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Die blaue Stunde / Paula Hawkins

Seit ihrem Durchbruch 2015 mit "The Girl on the Train" hat sich Paula Hawkins als meisterhafte Erzählerin psychologischer Spannungsromane etabliert. "Die blaue Stunde" bleibt dieser Linie treu und bietet eine Geschichte, die sich langsam entfaltet, dabei aber zunehmend an Intensität gewinnt. Es ist kein klassischer Krimi oder Thriller, sondern vielmehr ein atmosphärisch dichter Roman, der einer kunstvoll geknüpften Intrige gleicht: Man weiß, dass man irgendwann das Zentrum erreichen wird, doch was einen dort erwartet, bleibt lange ungewiss.

Paula Hawkins

Die Inspiration für den Schauplatz des Romans kam Paula Hawkins während eines Urlaubs, als sie wegen einer Verletzung ans Bett gefesselt war. Sie sah eine Insel und begann darüber nachzudenken, welche Geschichten sich dort abspielen könnten. Ihre Liebe zur Kunst spielte ebenfalls eine große Rolle bei der Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander.

The Shadow

"Who knows what evil lurks in the hearts of men? The Shadow knows!" (Wer weiß, welches Böse in den Herzen der Menschen lauert? Der Schatten weiß es!).

Dieser Satz, gesprochen von dem Schauspieler Frank Readick, wurden begleitet von einem musikalischen Thema, dem 1872 komponierten Le Rouet d'Omphale von Camille Saint-Saëns.

In unseren Breitengraden spielte The Shadow keine große Rolle, aber in Amerika ist er einer der bekanntesten Pulp-Helden überhaupt.

Meister der Täuschung


"The Living Shadow"; Cover von The Shadow #1 (April 7, 1931).
Gezeichnet von Modest Stein.

Die drei ??? und das Gespensterschloss / Robert Arthur

Beginnen wir den Spaß doch gleich von vorne. Denn zur Zeit des Erscheinens der drei Detektive war das eine verdammt gute Serie von Robert Arthur. Neben Miss Marple und Sherlock Holmes sicherlich eine Buchreihe, die nicht gerade wenige Leser zum Krimi gebracht haben.

Drei ??? Das Gespensterschloss Kosmos
Kosmos | Cover: Aiga Rasch

Insgesamt gibt es 43 Originalbücher, die von 1964 bis 1987 erschienen sind, bevor die drei Detektive zu einer rein deutschen Angelegenheit wurden. Allerdings hören die guten Abenteuer ab Band 29 auf und tröpfeln nur noch vor sich hin.

Der Fluch von Pendle Hill / Oscar de Muriel

Oscar de Muriel führt sein Ermittlerduo Frey & McGray im zweiten Fall (hier gehts zu den "Schatten von Edinburgh") noch tiefer in die Grauzonen zwischen Rationalität und Aberglauben. „Der Fluch von Pendle Hill“ ist zugleich viktorianischer Polizeithriller, Folk-Horror und Milieustudie über Medizin, Macht und Mythen – temporeich erzählt, atmosphärisch dicht und mit spürbarer Lust am Schauerroman, aus dem sich der Kriminalroman ja dann auch herausschälte.

Der Fluch von Pendle Hill
Der Fluch von Pendle Hill

Neujahr 1889: In der Irrenanstalt von Edinburgh gelingt einem Patienten die Flucht, eine Krankenschwester stirbt, und die sture, scharfzüngige Lokallegende „Nine-Nails“ McGray sowie der nüchterne Londoner Exilant Ian Frey nehmen die Verfolgung auf. Der Fall ist von Anfang an von Gerüchten über Okkultes umflort; die Spur führt schließlich über verschneite Landstriche hinweg in den Schatten von Pendle Hill, dem sagenumwobenen Schauplatz der Lancashire-Witchcraft-Prozesse.

Die Schatten von Edinburgh / Oscar de Muriel

Frey und MacGray Band 1

Der viktorianische Krimi, oder nennen wir ihn die Gothic Mystery, hat mittlerweile eine Vielzahl an Ablegern, so dass man sich wundert, wenn ein neuer Autor für sich beschließt, seine Geschichte ebenfalls in dieser Zeit anzusiedeln. Man fragt sich, ob dieses ganz spezielle historische Setting nicht schon längst überlaufen ist. Meine Antwort darauf ist ein klares Nein, denn auch, wenn es viele Reihen und Romane gibt, die das 19te Jahrhundert aufsuchen, sind wenige davon wirklich herausragend. Es wird wohl kaum möglich sein, die De Quincey-Trilogie von David Morrell vom Thron zu stoßen, aber auch darunter ist noch eine Menge Platz... für Frey und MacGray. (Obwohl ich nach Abschluss der Serie zugeben muss, dass da nur ein Blatt Papier dazwischen passt).

Frey & McGray Fanart von hauntedskeletoncreatorba

Das Interessante an Oscar de Muriel, dem Autor der ausgezeichneten Reihe um Frey und McGray ist, dass er in Mexico City geboren wurde, also in einem Land, das nicht gerade für sein nebelverhangenes Gaslicht bekannt ist. Er kam ins Vereinigte Königreich, um seinen Doktortitel in Chemie zu machen und arbeitete als Übersetzer, um sich in dieser Zeit über Wasser zu halten. Wer jemals in Großbritannien war, der weiß, wie einfach es ist, dort die Idee für einen unheimlichen Krimi zu bekommen. Während London mittlerweile literarisch überlaufen ist, drängen immer mehr Autoren ins schottische Edinburgh. De Muriel hat dann auch nicht gezögert, einen Schotten und einen Engländer als Ermittler einzusetzen, deren Gegensätze von Beginn an das raffinierte Hintergrundrauschen bilden, denn es dürfte allgemein bekannt sein, dass hier nicht gerade wenig Konfliktpotenzial vorhanden ist. Sicher kann man behaupten, dass DeMuriel als Ausländer auf Stereotype und Facetten zurückgreift, die Gemeinplätzen ziemlich nahe kommen, aber so einfach sollte man es sich nicht machen, denn man merkt zu keiner Zeit, dass der Autor kein Brite ist. Das allerdings sage ich natürlich selbst als Nicht-Brite.

Ed Brubaker: Chronist der Dunkelheit

Ed Brubaker ist ein Autor, Erzähler und Nostalgiker des Verbrechens. Er ist der Mann, der dem Noir seine moralische Komplexität zurückgab und die Superhelden mit ihrer Dunkelheit bekannt machte.

Ed Brubaker
Ed Brubaker

Ed Brubaker wurde 1966 in Washington, D.C., geboren, verbrachte seine Kindheit jedoch auf verschiedenen amerikanischen Marinestützpunkten, da sein Vater als Marineoffizier diente. Diese Lebensphase, geprägt von ständiger Entwurzelung, wechselnden Orten ohne ein dauerhaftes Zuhause und vergänglichen Gemeinschaften, hinterließ einen prägenden Eindruck auf sein Schaffen. Brubakers Werk richtet den Fokus konsequent auf das Flüchtige, das Vergängliche und den Verlust als grundlegende Aspekte des Lebens. Seine Figuren haben selten eine wirkliche Herkunft und verweilen fast nie an einem bestimmten Ort. Sie sind Übergangsgestalten in Städten des Übergangs. Das ist ein Leitmotiv, das sich tief in die Struktur seiner Erzählungen eingegraben hat.

Micky Maus als Ermittler und der Einfluss des Giallo

Micky Maus als Ermittler
Die klassische Micky Maus

Eine Maus, die gar nicht als Detektiv gedacht war

Micky Maus war ursprünglich gar nicht als Detektiv vorgesehen. Als Walt Disney sie 1928 ins Leben rief, war sie als freche und anarchische Figur ausgelegt. Steamboat Willie zeigt uns einen ungestümen Abenteurer, der ein Dampfschiff kapert und Tiere auf kreative Weise in Musikinstrumente verwandelt. In den frühen Kurzfilmen der späten 1920er- und frühen 1930er-Jahre verkörpert Micky eine impulsive, fröhliche und einfallsreiche Persönlichkeit, die an Figuren wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton erinnert, also weit entfernt ist von einem Sherlock Holmes.

Der Mann, der Sherlock Holmes tötete / Graham Moore

Sherlock Holmes ist ein nimmermüde werdendes Thema, das hat vor einigen Jahren die großartige BBC-Modernisierung hinlänglich bewiesen (gegenwärtig macht auch Alice (aus dem Wunderland) wieder ein paar Fortschritte). Die Zahl der "Leichenfliegen", wie ich jene Autoren nenne, die sich einer Figur annehmen und ihr Schindluder damit treiben, ist Legion. Die können wir - abgesehen von Horowitz, der tatsächlich die legitimen neuen Sherlock-Holmes-Fälle vorgelegt hat, aus unserem Gedächtnis streichen.

Graham Moore freilich geht einen anderen Weg und präsentiert uns Conan Doyle höchstselbst, denn schließlich ist er der Mann, der Sherlock Holmes umgebracht hat. Der Originaltitel lautet The Sherlockian, und ausnahmsweise finde ich hier den deutschen Titel etwas besser geeignet, weil er sprechend ist und wohl kaum einer hierzulande weiß, was ein Sherlockian überhaupt ist. Tatsächlich ist ein Sherlockianer der Protagonist des zweiten Erzählstranges.

Bis in alle Endlichkeit / James Kestrel

2022 gewann der Rechtsanwalt und Schriftsteller Jonathan Moore für seinen Roman "Five Decembers" (Fünf Winter") den Edgar Award. Ja, er gewann auch den deutschen Krimipreis (International), von dem ich aber bis heute nicht weiß, was ich davon zu halten habe. Manchmal benötigt man zwei Leben, um seine literarischen Arbeiten unterzubringen, also haben wir es hier erneut mit James Kestrel zu tun (unter Moore haben wir leider bisher nur "Poison Artist" in Übersetzung vorliegen).

Der Privatdetektiv Leland Crowe lebt undercover in einem heruntergekommenen Hotel in San Franciscos Tenderloin. Eigentlich sammelt er Informationen über einen Kartellzeugen, als er eines Morgens Zeuge eines seltsamen Anblicks wird: Ein stark beschädigter Rolls Royce Wraith steht vor den Refugio Apartments, das Dach zerschmettert von der Leiche einer jungen, blonden Frau im schwarzen Cocktailkleid. Crowe macht ein paar Fotos und verkauft eines an ein Magazin. Die Tote wird als Claire Gravesend identifiziert, Tochter der einflussreichen und gefürchteten Olivia Gravesend. Während die Polizei von Selbstmord ausgeht, glaubt Olivia nicht an diese Erklärung und beauftragt Crowe, die Wahrheit herauszufinden.

The Limits of Control (Jim Jarmusch)

Schon der Anfang von The Limits of Control erklärt die Konsequenz des Films, ohne dass man es bis zum Ende weiß.

Andererseits dauert es auch nicht lange, bis man vom Zusammenspiel von Form, Funktion und Protagonist gefesselt ist. Nach etwa zehn Minuten fragt man sich, ob es hier überhaupt etwas zu sehen gibt. Nach weiteren fünf Minuten steht die Antwort fest. Es ist eine Genreübung, die alle Erwartungen unterläuft. Es ist eine Genreübung, die alles Gewohnte ausblendet.

© Tobis Film GmbH & Co. KG

Im Großen und Ganzen folgt The Limits of Control einem Mann (De Bankolé), der mit einer Reihe exzentrischer, aber namenloser Figuren (wie er selbst) interagiert. Er wartet, lehnt alle irdischen Genüsse außer Espresso ab und erfüllt schließlich seine Rolle als Auftragskiller.

Der Thriller - Ein durchdringendes Genre

Ein Wort macht Karriere

Wer heute "Thriller" sagt, meint zugleich ein Buch, einen Film, ein Videospiel, eine Playlist und vielleicht noch Michael Jacksons berühmtes Musikvideo. Kaum ein Gattungsbegriff hat eine vergleichbare kulturelle Inflation erlebt. Dabei ist das Wort selbst verblüffend jung und verblüffend klar in seiner Herkunft.

"To thrill" bedeutet im Englischen so viel wie durchrieseln, erbeben, erschauern lassen. Wir stoßen bereits im frühen 14. Jahrhundert auf das altenglische Wort þyrlian, das "durchlöchern" oder "durchstechen" bedeutet. Der Begriff þyrel bedeutete im Mittelenglischen etwa "Nasenloch". Und dann gibt es noch den Begriff þurh, der "durch" bedeutet, vergleichbar dem mittelhochdeutschen "dürchel", der ebenfalls "durchbohrt" oder "durchlöchert" bedeutet. In den 1590er Jahren entstand die übertragene Bedeutung des Thrillers als etwas, das "ein frostiges, aufregendes Gefühl vermittelt", was auf die Vorstellung zurückgeht, von einer emotional durchdringenden Kraft erfasst zu werden.

Der Thriller

Ein Thrill ist also etymologisch kein sanftes Kribbeln, sondern ein Durchstich: etwas dringt in uns ein, ohne dass wir uns wehren können. Das Körperliche, ja Invasive dieser Metapher wird von Anfang an über die körperliche Wirkung auf sein Publikum definiert; nicht so sehr über eine Figur, einen Schauplatz oder eine Moral, sondern über ein bestimmtes Gefühl. Das ist eine bemerkenswerte Ausnahme in der Gattungsgeschichte. Wir sagen ja nicht "Weinlich" für das rührselige Drama oder "Lachhaft" für die Komödie, auch wenn diese Wörter existieren. Beim Thriller jedoch wird der Affekt buchstäblich zum Namensgeber.

Urbane Legenden, wahre Verbrechen, und was beides verbindet

Geschrieben von Jen Williams
übersetzt von Pulp Matters

Hören Sie mir zu. Was ich Ihnen erzählen möchte, ist dem Freund des Cousins meines Cousins tatsächlich passiert. Das war vor Jahren, lange bevor wir das Internet oder Mobiltelefone hatten, das muss man bedenken. Und es ist in den Staaten passiert - Sie wissen ja, dass die da draußen große Häuser haben, Häuser mit großen Gärten, die weit von der Straße zurückgesetzt sind. Wie auch immer. Dieses Mädchen, sie ist sechzehn, passt auf die Kinder der Nachbarn auf. Es ist spät, die Kinder sind schon im Bett, und sie sitzt da und macht Hausaufgaben, als das Telefon klingelt - jemand ruft auf dem Festnetz an. Sie geht ran, in der Erwartung, dass ein Elternteil sich danach erkundigt, ob alles in Ordnung ist, aber alles, was sie hört, ist eine Männerstimme. Sie kennt sie nicht. Der Mann sagt: "Haben Sie schon nach den Kindern gesehen?". Unser Mädchen legt den Hörer auf, verärgert und ein wenig erschrocken über den Scherzanruf. Sie geht zurück an ihre Arbeit. Und dann, ein paar Minuten später, ein weiterer Anruf. "Haben Sie schon nach den Kindern gesehen?" Diesmal beschimpft sie ihn mit allen möglichen Namen, aber außer schwerem Atmen ist von ihm nichts weiter zu hören. Nach dem dritten Anruf legt sie den Hörer auf und ruft die Polizei an. Die Polizei ist skeptisch, aber zu ihrer Beruhigung erklären die Beamten ihr, dass beim nächsten Mal den Anruf zurückverfolgen werden. Unser Mädchen wartet mit einer Mischung aus Angst und Wut, gespannt darauf, ob sich der Anrufer wieder meldet. Das tut er, und nachdem das Mädchen aufgelegt hat, klingelt das Telefon erneut und die Polizei ist dran. Jetzt klingen die Beamten nicht mehr so skeptisch. "Sie können dort nicht bleiben", sagen sie ihr. Die Anrufe kommen aus dem Inneren des Hauses, in dem Sie sich befinden".

Die okkulte und symbolische Dimension von James Bond

Laut Adam Howard von der National Broadcasting Company ist jeder Bond ein interessanter Spiegel seiner Zeit. So spiegelte Sean Connery zum Beispiel die sanfte Kraft wider, die die Kultur während des Kalten Krieges benötigte. Wer hat schon Angst vor Kommunisten, wenn es so elegante Operateure wie Bond gibt? Nach Watergate war jedoch Roger Moores pingeliger Bond ein großer Gegenpol zur Ernüchterung der damaligen Zeit.

Was Timothy Dalton betrifft, so tauchte sein weniger sexualisierter 007 auf der Leinwand etwa zur gleichen Zeit auf, als Amerika anfing, sich mit der zunehmenden AIDS-Krise auseinanderzusetzen. Und mit seinem Schwerpunkt auf Gadgets und extravaganten Stunts repräsentierte Pierce Brosnan den Tech-Boom der 90er Jahre. Heutzutage hat Daniel Craig uns eine Post-9/11-Version gegeben.

Casino Royale
Der erste Bond

Die okkulten Detektive

Sherlock Holmes ist eine der berühmtesten Figuren der Kriminalliteratur, die 1886 von dem britischen Autor Arthur Conan Doyle erfunden wurde. Seitdem hat er viele Nachahmer inspiriert und Variationen hervorgebracht, die sich in unterschiedlichen Zeiten, Orten und Berufen als Detektive betätigen. Doch schon vor Holmes gab es Geschichten, die sich mit Verbrechen und deren Aufklärung beschäftigten, wie zum Beispiel Georg Philipp Harsdörffers "Der große Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichten" aus dem 17. Jahrhundert oder die sogenannten Newgate-Romane von Edward Bulwer-Lytton im 19. Jahrhundert.

Schauerliteratur

Die Anfänge der Kriminalliteratur lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als Edgar Allan Poe seinen berühmten Detektiv Auguste Dupin in "Die Morde in der Rue Morgue" (1841) erschuf. Diese Erzählung gilt als eine der ersten Quellen für das Genre, das sich aus der jahrhundertealten Tradition der Schauerliteratur entwickelte. Dabei wurde die Rolle des Gefühls von der Vernunft abgelöst, ohne jedoch auf die schaurige Atmosphäre zu verzichten. So entstand auch die Idee, Geister und andere übernatürliche Phänomene mit kriminalistischen Methoden zu erforschen. Das Genre der "Geisterdetektive" oder der "okkulten Spürnasen" war geboren, noch bevor Sherlock Holmes die Bühne betrat, und bewegte sich an der Grenze zwischen Rationalität und Mystik.

Sherlock Holmes - Das erste Fandom der Geschichte

Sherlock Holmes ist neben Dracula die am häufigsten adaptierte und inszenierte Kunstfigur der Popkultur. Dass der Detektiv weltweit bekannt ist, liegt jedoch nicht an den genialen Originalgeschichten, sondern an den unzähligen Filmen, Theaterstücken, Musicals und Comics. Fast alle Symbole und Phrasen, die aus den vielen Fernseh-, Film-, Theater- und anderen grafischen Reproduktionen stammen und heute scheinbar zum Kanon gehören - wie etwa der Deerstalker-Hut - kommen in den Texten überhaupt nicht vor. Doch während diese mit der Mode gehen, scheinen die Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle, die immer wieder adaptiert werden, wie nichts zuvor oder danach in unserem kollektiven Bewusstsein verankert zu sein.

Watson und Holmes

Der Reichenbach-Schock

Im Jahr 1893 ließ der Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle den Detektiv Sherlock Holmes von einer Klippe stürzen. Die Klippe liegt in der Schweiz. Darunter rauschen die berühmten Reichenbachfälle. Aber Conan Doyle war gar nicht vor Ort, er erledigte die Drecksarbeit von seinem Londoner Haus aus, wo er schrieb.

Vom True Crime zur Fiktion: Die Geschichte des Kriminalromans

Die Beschreibung von Genres ist selten eindeutig, doch gerade das macht sie überhaupt diskussionswürdig. Wäre alles klar und für jeden offensichtlich, würde ein einfacher Lexikoneintrag ausreichen, um das Thema abzuhaken. Heute richten wir den Fokus auf eines der wohl beliebtesten literarischen Genres überhaupt: den Kriminalroman.


Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass es niemals eine allumfassende Definition eines Genres geben kann. Daher handelt es sich hier lediglich um einen kleinen Überblick. 

Es gibt so viele verschiedene Arten von Kriminalromanen, dass bereits in den 1920er Jahren eine der ersten "Queens of Crime", Dorothy L. Sayers, darüber klagte:

“Es wirkt nahezu unmöglich, den Überblick über die Vielzahl an Krimis zu behalten, die heutzutage produziert werden. Ein Werk nach dem anderen, ob Bücher oder Zeitschriften, strömt aus den Druckpressen, angefüllt mit Geschichten über Morde, Diebstähle, Brandstiftungen, Betrügereien, Verschwörungen, ungelösten Rätseln und nervenaufreibenden Geheimnissen. Die Seiten sind bevölkert von Verrückten, Gaunern, Giftmischern, Fälschern, Würgern, Polizisten, Spionen und Detektiven. Man bekommt das Gefühl, als sei die halbe Welt damit beschäftigt, immer neue Fälle und Intrigen zu ersinnen, nur damit die andere Hälfte sie entschlüsseln kann.” 

Beginnen wir unseren Rundgang mit einer grundlegenden Unterscheidung zwischen der Rätselgeschichte und dem Kriminalroman, bevor wir einen Blick auf einige historische Eckpunkte werfen. 

London after Midnight

Lon Chaney war ein Ausnahmetalent als Schauspieler, aber auch ein Meister der Maske. Er hob den Einsatz von Make-up im Film auf ein neues Niveau, indem er komplexe und transformative Looks schuf, die es ihm ermöglichten, eine beeindruckende Bandbreite an grotesken Charakteren zu verkörpern, darunter ikonische Rollen in Filmen wie Der Glöckner von Notre Dame, Das Phantom der Oper und Die unheiligen Drei. Sein berüchtigter Koffer, randvoll mit Schminkutensilien, Werkzeugen und Schnüren, wurde geradezu legendär.

Lon Chaney in "London after Midnight"

Lon Chaney schlüpft in London After Midnight gleich in mehrere Rollen dieses bemerkenswerten Stummfilms aus dem Jahr 1927, der von Tod Browning geschrieben und inszeniert wurde. Im Mittelpunkt steht Inspektor Edward Burke, dargestellt von Chaney, der in London den mysteriösen Mord an Sir Roger Balfour aufzuklären versucht. Obwohl der Fall zunächst durch einen scheinbaren Abschiedsbrief abgeschlossen und als vergessen gilt, kehrt fünf Jahre später das Leben in Balfours Haus zurück. Ein rätselhafter Mann mit einer Biberfellmütze, schaurig eingesunkenen Augen und Reißzähnen lässt sich dort sehen. Die Bewohner der Stadt beginnen zu spekulieren, ob es sich um den wiederauferstandenen Balfour handeln könnte, doch in Wahrheit verbirgt sich hinter der unheimlichen Gestalt niemand anderes als Inspektor Burke selbst, der diese Tarnung nutzt, um den eigentlichen Täter zu überführen.