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Jeff Lemire: Der Kartograph der Einsamkeit

Ein Blick auf den Mann, der die ländliche Stille in einen der eindrucksvollsten Schauplätze des zeitgenössischen Comics verwandelt hat.

Jeff Lemire © Jaime Hogge

Essex County und die Geographie der Stille

Jeff Lemire wurde 1976 in Essex County, Ontario, geboren, jenem flachen, weitläufigen und wenig glamourösen Landstrich am Nordufer des Lake Erie in Kanada, der geprägt ist durch Weite, Stille und der spezifische Melancholie kleiner Gemeinschaften, in denen alle einander kennen. Essex County ist ein gewöhnlicher Ort, doch in Lemires künstlerischem Schaffen steht genau diese Gewöhnlichkeit als unerschöpfliche Quelle von Tiefe und Bedeutung im Mittelpunkt.

Jeff Lemire / Essex County
Top Shelf Productions

Ed Brubaker: Chronist der Dunkelheit

Ed Brubaker ist ein Autor, Erzähler und Nostalgiker des Verbrechens. Er ist der Mann, der dem Noir seine moralische Komplexität zurückgab und die Superhelden mit ihrer Dunkelheit bekannt machte.

Ed Brubaker
Ed Brubaker

Ed Brubaker wurde 1966 in Washington, D.C., geboren, verbrachte seine Kindheit jedoch auf verschiedenen amerikanischen Marinestützpunkten, da sein Vater als Marineoffizier diente. Diese Lebensphase, geprägt von ständiger Entwurzelung, wechselnden Orten ohne ein dauerhaftes Zuhause und vergänglichen Gemeinschaften, hinterließ einen prägenden Eindruck auf sein Schaffen. Brubakers Werk richtet den Fokus konsequent auf das Flüchtige, das Vergängliche und den Verlust als grundlegende Aspekte des Lebens. Seine Figuren haben selten eine wirkliche Herkunft und verweilen fast nie an einem bestimmten Ort. Sie sind Übergangsgestalten in Städten des Übergangs. Das ist ein Leitmotiv, das sich tief in die Struktur seiner Erzählungen eingegraben hat.

Constantine - Der Hellblazer

Constantines Herkunft scheint so willkürlich und lächerlich, wie die Figur selbst beständig und mürrisch ist. Die Hauptverantwortlichen für seine Erschaffung machen unterschiedliche Aussagen über seine Eigenschaften, aber alle sind sich einig, dass er wie Sting aussieht.

Hellblazer © DC
Hellblazer von Glenn Fabry © DC

Constantine erschien zum ersten Mal auf den Seiten der Comic-Saga Swamp Thing im Juni 1984, kurz nach dem Ende der Welttournee von Police für ihr Album Sincronicity. Swamp Thing stammte damals aus der Feder des britischen Autors Alan Moore, der noch zwei Jahre davon entfernt war, mit Watchmen zum Comic-Superstar zu werden. 1984 war er noch ein relativ unbekannter britischer Autor, der mit seiner dekonstruktivistischen und mystischen Sicht auf Swampy einen Kulterfolg landete. Ihm zur Seite standen die amerikanischen Künstler Stephen Bissette und John Totleben. Beide waren von Sting besessen.

Bissette sagt, er habe Moore gebeten, eine Figur zu schaffen, die Sting ähnlich sieht. Karen Berger, die Redakteurin der Serie, erzählte, dass es Totleben war, der von Stings Darstellung eines möglicherweise dämonischen Betrügers im Film Brimstone and Treacle von 1982 begeistert war. Moore erzählte dem Comics Journal, dass er die Wünsche der Künstler nur zum Spaß erfüllte. Und so tauchte in einer Szene von Swamp Thing No. 25 eine namenlose Figur auf, die Sting ähnelte. Das hätte das Ende sein können.

Supergirl - Die Cousine des Stählernen

Supergirl ist eben nicht die weibliche Kopie von Superman. Schon alleine die Tatsache, dass sie eigentlich älter ist als ihr ikonischer Cousin, bringt eine interessante Wendung mit sich. Und dennoch wurde sie über Jahre hinweg auf die Rolle einer Randfigur reduziert. Es ist die Chronik einer Heldin, die immer wieder (metaphorisch) sterben musste, um dann vergessen und erneut ins Leben gerufen zu werden, bis man endlich erkannte, welche Strahlkraft sie wirklich besitzt.

Action Comics #252 © DC

Die Comic-Premiere gehört natürlich weiterhin Kal-El, aber Kara Zor-El alias Supergirl ist tatsächlich älter als Clark Kent, zumindest als Charakter. Ihre Rettungskapsel verließ den zerstörten Planeten Krypton lange vor der von Superman. Ursprünglich hätte sie vor ihrem kleinen Cousin die Erde erreichen sollen, doch ihr Schiff geriet in einen Meteoritenschauer, und Kara war dazu verdammt, Jahrzehnte lang im Kälteschlaf zu treiben. Währenddessen wuchs Clark Kent auf der Erde heran, wurde zu Superman und schließlich zu einem weltweiten Symbol des Heldenmuts. Als Kara dann endlich 1959 in Ausgabe #252 der Action Comics auftauchte, war sie trotz ihres ursprünglichen Vorsprungs diejenige, die sich hinten anstellen musste, „die Neue“, „die Nachgekommene“, „das Mädchen“.

Garth Ennis: Der Ketzer aus Belfast

Garth Ennis via Marvel Fandom

Belfast und die Prägung eines Blicks

Garth Ennis, 1970 in Holywood, County Down, Nordirland, geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belfast, einer Stadt, die in den 1970er- und frühen 1980er Jahren von einem brutalen internen Konflikt zerrissen war. Der bewaffnete Konflikt zwischen republikanischen und unionistischen paramilitärischen Gruppen sowie die britische Militärpräsenz bestimmten das Leben in Belfast in einer Intensität, die Außenstehende nur schwer begreifen können. Checkpoints gehörten zum Alltag, Bombendrohungen waren an der Tagesordnung, und die allgegenwärtige Nutzung von Gewalt als politisches Werkzeug prägte das Leben der Menschen. Obwohl Ennis in Interviews betont hat, dass er kaum bewusste Erinnerungen an diese Zeit hat, ist gerade diese vermeintliche Normalität bezeichnend. Niemand wächst in einem von Gewalt geprägten Umfeld auf, ohne eine gewisse Haltung dazu zu entwickeln, und sei es ein nüchternes Verständnis dessen, was Gewalt ist und wie sie die Menschen verändert.

Dieses Verständnis durchzieht das gesamte Schaffen von Ennis und hebt ihn signifikant von vielen anderen seiner Kollegen ab. Während etwa Frank Miller Gewalt oft als ästhetisches Spektakel inszeniert oder Alan Moore sie bis ins kleinste Detail analysiert, stellt Ennis sie in einer kompromisslosen Direktheit dar. Er verzichtet auf Verklärung oder stilistische Ausschmückung. Gewalt ist bei ihm hässlich und alltäglich, mit realen Konsequenzen für Täter wie Opfer, mitsamt deren Schwächen, Fehlern und einer manchmal tragischen Lächerlichkeit.

Watchmen / Alan Moore

Dem Autor Alan Moore, dem „Zauberer” hinter „V wie Vendetta”, „Batman: The Killing Joke”, „From Hell” und vielen anderen Titeln, ist es gelungen, seine zeitgenössischen Ideen auf revolutionäre Weise durch das Medium Comic zu vermitteln. Indem er sich mit universellen Konzepten auseinandersetzte und sie durch Symbolismus und Satire aufschlüsselte, erregte er schnell die Aufmerksamkeit der Welt. Er wurde zu einem wichtigen Einfluss in der Populärkultur, denn sein Werk besitzt bis heute eine unvergleichliche Relevanz für die moderne Politik und Philosophie. Zu seinen bedeutendsten Comics gehört das mit dem Hugo Award ausgezeichnete Hauptwerk Watchmen, das mit seiner Erzählung, seinen Themen, seinen Figuren und seiner philosophischen Botschaft die Comic-Industrie schlagartig veränderte.

Watchmen © DC Comics

Die Geschichte von Watchmen ist in einer alternativen Realität angesiedelt, die sich am Zustand der Welt in den 1980er Jahren orientiert. Sie ist ein ausladender Kommentar zum Superheldenkonzept und seinen persönlichen sowie politischen Implikationen vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs. Zwar absolviert Richard Nixon hier mehrere Amtszeiten als Präsident der Vereinigten Staaten und die USA gewinnen den Vietnamkrieg, doch die zentrale Wendung dieser realistisch dargestellten Geschichte ist die Existenz von Superhelden und ihre Verantwortung für die Entwicklung der internationalen Beziehungen und die Verbrechensbekämpfung. Während die Spannung ins Unermessliche steigt, deutet der Mord an einem ehemaligen Helden auf ein größeres Komplott hin. Aufgrund des Keene-Gesetzes sind Vigilanten nun illegal und ihre Aktivitäten sind untersagt. 

Frank Miller: Das Evangelium des Schattens

Frank Miller und die Neuinterpretation des Comic-Noir als Weltanschauung, Ästhetik und politisches Statement.

Olney und Millers Wurzeln

Frank Miller, geboren 1957 in Olney, Maryland, und aufgewachsen in Montpelier, Vermont, fand seine prägenden Inspirationen in Regionen, die kulturell eher unscheinbar sind. Vielleicht war es gerade der Mangel an urbaner Eleganz, der seine Vorstellungskraft formte und ihn zeitlebens von der Faszination für das Abgründige, die Dunkelheit und die raue Realität des amerikanischen Stadtlebens nicht entkommen ließ. Miller entstammte keinem akademischen Umfeld; seine prägenden Einflüsse waren die billigen Comichefte seiner Jugend, die Kriminalromane von Mickey Spillane und Raymond Chandler sowie die Schwarzweißfilme der 1940er Jahre, in denen Licht und Schatten untrennbar mit Gut und Böse verknüpft sind. Diese frühen Eindrücke zementierten eine ästhetische und erzählerische Grundstruktur, die sich konsequent durch sein gesamtes Werk zieht.

Batman - Der dunkle Ritter

Der dunkle Ritter
Der dunkle Ritter

Die Erzählung von Batman hat sich längst zu einem modernen Mythos entwickelt. Der junge Bruce Wayne wird Zeuge der brutalen Ermordung seiner Eltern und schwört, das Verbrechen zu bekämpfen. Getrieben von diesem Ziel, widmet er sein Leben der Selbstdisziplin. Er meistert nahezu sämtliche Kampfkünste, eignet sich wissenschaftliche Expertise an, wird ein brillanter Detektiv und stellt sich den zahlreichen Bedrohungen, die seine Heimatstadt Gotham City heimsuchen, eine Stadt, die mittlerweile genauso ikonisch ist wie der Dunkle Ritter selbst.

Seinen ersten Auftritt hatte Batman im Mai 1939 in Detective Comics Nr. 27. Schon ein Jahr später erhielt er eine eigene Comicreihe. Offiziell wurde die Figur von Bob Kane geschaffen, nachdem der Redakteur Vin Sullivan ihn damit beauftragt hatte, einen neuen Helden zu entwickeln, der an den Erfolg von Superman anknüpfen sollte. Doch viele der markanten Merkmale Batmans entstanden durch den wenig bekannten Autor Bill Finger, dessen entscheidender Einfluss erst spät gewürdigt wurde. Während Kane das grundlegende Konzept eines maskierten Detektivs lieferte, war es Finger, der dem Helden seine unverkennbaren Charakteristika verlieh: die düstere Kapuze mit den spitzen Ohren, den Umhang, die Abwesenheit übernatürlicher Kräfte, den bürgerlichen Namen Bruce Wayne und die düstere Kulisse Gothams. Auch die tragische Ursprungsgeschichte des Helden, der Tod seiner Eltern in einer dunklen Gasse, stammt von Finger.

Batman Detectice Comics #27 © DC
Batman Detectice Comics #27 © DC

Superman - Der Mann aus Stahl

Ein merkwürdiges Schauspiel bot sich auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe von Action Comics im April 1938 seinen Lesern. Ein seltsam gekleideter Mann mit rotem Umhang hielt ein ganzes Auto über seinen Kopf.

Superman - Der Mann aus Stahl
Superman von Joe Shuster

Auf seiner Brust prangte ein rotes “S” auf gelbem Grund. Der Stil mag sich im Laufe der Jahrzehnte geändert haben, aber der Mann aus Stahl wurde immer in den gleichen Farben gezeigt: rot, gelb und blau.

In einer stillen Nacht im Jahr 1933, irgendwo in einem Vorort von Cleveland, saß ein 18-jähriger Junge namens Jerry Siegel schlaflos in seinem Zimmer. Draußen rauschte der Wind durch die Baumwipfel, und das Dröhnen der Großen Depression hing über der Stadt wie ein bleierner Nebel. Drinnen, bei schwachem Licht, tippte Jerry fieberhaft auf seiner Schreibmaschine. Es war keine gewöhnliche Geschichte, die er da schrieb. Es war die Geburt eines Traums, und der Anfang einer Legende.

Zatanna - Die Tochter des Magiers

Eine Tochter sucht ihren Vater und findet sich selbst

Hawkman #4
© DC Comics
Zatanna ist eine kleine Sensation und ein Paradebeispiel für kreatives Geschichtenerzählen im Superhelden-Genre. Ihr Debüt in Hawkman #4 im Juli 1964 markierte einen Wendepunkt in der Welt der DC-Comics, und das nicht ohne Grund. Der talentierte Autor Gardner Fox hatte einen ganz besonderen Kniff parat, der die Leserschaft begeisterte. Statt lediglich in einer einzigen Ausgabe zu glänzen, begann Zatanna ihre Reise mit einer mehrteiligen, spannenden Suche, die sich quer durch das gesamte DC-Universum erstreckte. Diese einzigartige Erzählstruktur, die über mehrere Serien und Ausgaben hinweg konsequent verfolgt wurde, war zur damaligen Zeit eine revolutionäre Idee. Obwohl Crossover schon zuvor existierten, war die Vorstellung, dass eine Figur gezielt in anderen Comic-Heften auftaucht, um dort aktiv jemanden zu suchen, eine narrative Neuerung, die gleichzeitig großen Einfluss auf die Branche hatte.

Doch wen suchte Zatanna eigentlich? Sie wollte ihren verschollenen Vater Giovanni Zatara finden. Zatara selbst war kein Unbekannter im DC-Universum. Als legendärer Bühnenmagier und echter Zauberer erschienen seine Geschichten bereits seit den späten Dreißigerjahren in den Comics. Doch plötzlich war er verschwunden, und Zatanna machte es sich zur Aufgabe, sein Verschwinden aufzuklären. Dafür ließ sie nichts unversucht und klopfte an die Türen verschiedenster Helden. Von Batman über Atom, Green Lantern bis hin zu Elastoman suchte sie Hilfe, um ihren Vater aufzuspüren.

Etrigan – Der reimende Dämon aus Camelot

Jack Kirbys düsterstes Vermächtnis und ein seltsamer Schatz im DC-Universum

Ein König, ein Zauberer und eine ewige Bürde

Es gibt Momente in der Geschichte der Comics, die sich rückblickend wie Naturgewalten anfühlen – künstlerische Schöpfungen, bei denen ein einzelner Autor eine neuartige und so fremdartige Idee zum Leben erweckt, dass das Medium danach nicht mehr ganz dasselbe war. Die Erschaffung von Etrigan durch Jack Kirby im Jahr 1972 ist einer dieser seltenen Augenblicke. Und doch bleibt diese Meisterleistung heute überraschend wenig gewürdigt.

© DC

Die Prämisse ist so schlicht wie gewagt: In der letzten Nacht von Camelot, als König Artus' Reich im Chaos von Feuer und Verrat unterging, verschmolz der Zauberer Merlin einen Höllendämon namens Etrigan mit einem menschlichen Ritter namens Jason Blood. Dies war eine Strafe und zugleich ein Schutz – eine ambivalente Verbindung aus Fluch und Gabe. Ob dies Merlins wahre Absicht war, bleibt absichtlich unklar. Seit jenem Moment wandelt Jason Blood als unsterblicher Zeuge des Verfalls menschlicher Zivilisation durch die Jahrhunderte, belastet mit dem Wissen um die Vergänglichkeit der Welt. Gleichzeitig birgt er die Macht, sich in ein gelbes, feuerspuckendes Höllengeschöpf zu verwandeln, das in Reimform spricht und die Mächte des Bösen mit einer Begeisterung bekämpft, die nicht weniger erschreckend wirkt als das Übel selbst.

Wonder Woman - Prinzessin der Amazonen

Wonder Woman spiegelt die Ängste, Sehnsüchte und feministischen Hoffnungen Amerikas wider. Eine ikonische Figur, erschaffen von einem Mann, der mit zwei Frauen zusammenlebte, ausgestattet mit einem Lasso und einer tief verwurzelten Überzeugung.

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.

Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.

The Secret History of Wonder Woman von Jill Lepore (2014)

Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics, dem Vorläufer von DC. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.

Die Bedeutung der Robins im Batman-Kosmos

Es gibt eine Frage, die Comicfans seit Jahrzehnten spaltet, und sie lautet ungefähr so: Warum braucht Batman überhaupt einen Robin? Der Dunkle Ritter, diese monolithische Figur aus Schmerz, Disziplin und Nacht, wirkt auf den ersten Blick vollständig in sich selbst ruhend. Er ist kein Teamplayer. Er braucht niemanden. Und trotzdem kehrt Robin immer wieder zurück, in verschiedenen Gesichtern, verschiedenen Kostümen, mit verschiedenen Lebensgeschichten. Hinter dieser Absicht steckt eine der klügsten erzählerischen Entscheidungen in der Geschichte des amerikanischen Comics.

Der erste Robin

Zu sehen sind Dick Graysons
unterschiedliche Erscheinungsformen
auf dem Variant-Cover von
Nightwing #118 (September 2024).
Gestaltet von Nicola Scott.

Dick Grayson trat 1940 ins Rampenlicht, nur ein Jahr nach Batmans erstem Auftritt. Er wurde von Bob Kane, Bill Finger und dem Zeichner Jerry Robinson ins Leben gerufen, wobei Robinson oft als der eigentliche kreative Kopf hinter der Figur betrachtet wird – eine Leistung, die in der Geschichte des Comics leider lange Zeit nicht ausreichend gewürdigt wurde. Ursprünglich hatte seine Einführung vor allem kommerzielle Gründe. Batman war zwar ein erfolgreicher Verkaufsschlager, doch die Redaktion von DC suchte nach einer Figur, mit der sich jüngere Leser besser identifizieren konnten. Ein Teenager, der Seite an Seite mit dem großen Helden kämpft und die Sprache spricht, die die Zielgruppe versteht, schien genau das Richtige zu sein.

Das Konzept ging auf. Nach Dicks Debüt in Detective Comics #38 stiegen die Verkaufszahlen rasant an. Dick Grayson wurde zu einem Spiegelbild von Bruce Wayne, auf eine Weise, die das emotionale Fundament der Batman-Figur grundlegend veränderte. Beide teilen das traumatische Schicksal, ihre Eltern durch Gewalt verloren zu haben, und kennen die tiefe Leere, die ein solcher Verlust hinterlässt. Doch während Bruce Wayne sein Trauma wie eine uneinnehmbare Festung hütet, geht Dick offener mit seinem Schmerz um. Seine Bereitschaft, trotz allem zu lachen, bildet einen scharfen Kontrast zu Batmans unbeugsamer Härte und wirkt gerade deshalb so eindringlich.

Poison Ivy - Die Natur als Waffe

© DC Comics

Es gibt Comicfiguren, die im Zeitgeist ihrer Entstehung verwurzelt bleiben und kaum über ihre Ära hinausgehen. Und dann gibt es Poison Ivy. Als Robert Kanigher und der Zeichner Sheldon Moldoff sie im Juni 1966 in Batman #181 einführten, hatten sie vermutlich nicht vor, eine der vielschichtigsten Charaktere in der DC-Historie zu schaffen. Ihr Ziel war weitaus pragmatischer. Sie wollten frischen Wind in das zunehmend populäre Batman-Franchise bringen, und das durch die Einführung einer neuen weiblichen Gegenspielerin. Dabei ließen sie sich Berichten zufolge von der Pin-up-Ikone Bettie Page und dem mysteriösen Charme des Stummfilm-Vamps Theda Bara inspirieren. Kanigher selbst war kein Unbekannter in der Comicszene. Er hatte Wonder Woman durch die 1950er und frühen 1960er Jahre begleitet, die Metal Men mitentwickelt und bewies immer wieder ein Talent für unvergessliche Charaktere.

Pamela Isley alias Poison Ivy betrat die Bühne mit einem Paukenschlag. Auf dem Cover prangte sie in einem knapp bemessenen Blätterkostüm, selbstbewusst verkündend, die gefährlichste Verbrecherin der Welt zu sein. Dieses Versprechen war zunächst mehr Schein als Sein – schließlich bewegte sich der Silver-Age-Comic noch in einer Phase, die von schnellen, bunten Ideen lebte, weniger von tiefergehender Charakterentwicklung. Doch schon in dieser ersten skizzenhaften Darstellung schlummerte das Potential, das Autoren erst Jahrzehnte später voll zur Entfaltung bringen sollten.

Swamp Thing - Der Champion des Grün

Swamp Thing von John Totleben

Das Swamp Thing ist eine Comicfigur, die von Len Wein und dem Künstler Bernie Wrightson erfunden wurde. The Swamp Thing erschien erstmals in House of Secrets #92 (Juni-Juli 1971), und war ursprünglich als einzelne Horrorgeschichte gedacht. Zu diesem Zeitpunkt war die Figur bereits mehrfach überarbeitet worden, bis sie sich für einen eigenen Auftritt eignete. Swamp Thing #1 erblickte im November 1972 das Licht der Welt. Die größte und endgültige Veränderung fand jedoch statt, als Alan Moore die Serie von 1983 bis 1987 übernahm. Für Moore war es das erste amerikanische Projekt und das erste f ür DC.

Für viele ist Swamp Thing aus dieser Zeit neben The Dark Knight Returns und Watchmen eines der besten und kreativsten Werke der Comic-Geschichte. Alan Moores Run übertraf alle Erwartungen und hat sich bis heute einen festen Platz unter den Klassikern verdient.

Das Ende des Comics-Code

Als unbekannter Autor erhielt Moore ein Thema, das bereits ein Auslaufmodell war und eingestellt werden sollte. Niemand interessierte sich mehr dafür, also schaute auch niemand genauer hin. Moore nutzte die Gelegenheit und brachte neben einer moralischen Grauzone auch Mystik und Sexualität in die Serie ein. Damit war die Serie eine der ersten, die den Comic-Code aufgab und den Weg für die dunkleren, kantigeren Comics der 80er und 90er Jahre ebnete. Swamp Thing bewies eindrucksvoll, dass auch literarisch anspruchsvolle Comics nicht zwangsläufig zu Umsatzeinbußen führen müssen.

Absolute Batman

 „Was bleibt vom Ritter, wenn man ihm das Schloss wegnimmt?“


Absolute Batman
© DC
Es gibt eine Frage, die jeden Batman-Autor irgendwann einholt, ob er will oder nicht: Ist Bruce Wayne überhaupt interessant, wenn man ihm seine Milliarden wegnimmt? Die meisten weichen dieser Frage aus. Scott Snyder hat sie im Oktober 2024 frontal beantwortet, und die Antwort hat den Comicmarkt erschüttert wie seit Jahren nichts mehr, das aus den beiden großen Häusern DC und Marvel kam.

Absolute Batman ist (wie alles im gegenwärtig laufenden Absolute Universe) ein Gedankenexperiment. Gleich die erste Ausgabe 2024 wurde zum erfolgreichsten Comic des Jahres. Niemand hatte das auch nur annähernd erwartet. Scott Snyders machte sich vor dem Start sogar sorgen, dass nicht einmal die Mindestanforderung erfüllt werden könnte, um die Serie überhaupt am Laufen zu halten. Kurz gesagt: Das Ding ist eingeschlagen wie eine Bombe, die niemand kommen sah.