Posts mit dem Label jeff lemire werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label jeff lemire werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Jeff Lemire: Der Kartograph der Einsamkeit

Ein Blick auf den Mann, der die ländliche Stille in einen der eindrucksvollsten Schauplätze des zeitgenössischen Comics verwandelt hat.

Jeff Lemire © Jaime Hogge

Essex County und die Geographie der Stille

Jeff Lemire wurde 1976 in Essex County, Ontario, geboren, jenem flachen, weitläufigen und wenig glamourösen Landstrich am Nordufer des Lake Erie in Kanada, der geprägt ist durch Weite, Stille und der spezifische Melancholie kleiner Gemeinschaften, in denen alle einander kennen. Essex County ist ein gewöhnlicher Ort, doch in Lemires künstlerischem Schaffen steht genau diese Gewöhnlichkeit als unerschöpfliche Quelle von Tiefe und Bedeutung im Mittelpunkt.

Jeff Lemire / Essex County
Top Shelf Productions

Black Hammer - Verlust und Identität

„Das Superhelden-Genre ist tot. Lang lebe das Superhelden-Genre.“

Es gibt Comicserien, die einfach gute Geschichten erzählen, und solche, die das Medium an sich hinterfragen. Black Hammer, erschienen 2016 bei Dark Horse Comics, gehört eindeutig zur zweiten, weit weniger verbreiteten Kategorie. Geschrieben von Jeff Lemire und illustriert von Dean Ormston in der Hauptphase, ist diese Reihe eine Hommage an die Superheldengeschichte – und zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit ihr.

Wer das liest und denkt: „Klingt nach dem üblichen Dekonstruktions-Brimborium“, den muss ich korrigieren. Black Hammer ist eben kein zynischer Angriff auf das Genre. Es ist eine melancholische Liebeserklärung, die das Genre auf tiefgründige Weise untersucht.

Die Prämisse

Black Hammer 1
© Splitter

Eine Gruppe von Superhelden hat Spiral City vor einem apokalyptischen Ereignis bewahrt. Doch anstatt gefeiert zu werden, werden sie nach ihrem großen Triumph in ein kleines, unscheinbares Dorf auf dem Land verbannt – ein verwirrendes Geschenk oder doch eher eine Strafe? Dort gibt es weder Feinde noch Schlachten, sondern nur Felder voller Mais, alte Scheunen und eine bedrückende Stille. Für diese außergewöhnlichen Figuren, die für große Taten geboren wurden, wird das einfache Landleben zur ultimativen Prüfung.

Das Dorfleben als unüberwindbare Tortur für Menschen, deren Existenz normalerweise durch heldenhafte Aufgaben definiert wird. Lemire nimmt den klassischen Superheldenmythos, geprägt von Missionen, Kämpfen und Siegen, und friert ihn vollständig ein. Was bleibt, wenn das Abenteuer vorbei ist? Was geschieht mit der Person hinter der Maske, wenn der Held in ihr keine Aufgabe mehr hat?

Diese Frage ist eigentlich so alt wie der Comic selbst, aber selten wurde sie so radikal in die Struktur der Handlung eingeschrieben. Es passiert hier nichts Großes. Und genau darin liegt die Spannung.