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| Band 1 mit Jesse Custer |
Es gibt sehr wenige Ausnahmen, denen es gelingt, erhebliche Änderungen gegenüber der Vorlage vorzunehmen und dennoch die Fans bei der Stange zu halten. Bei „The Walking Dead“ werden die großen Todesfälle aus den Comics stets anders inszeniert, womit die Fans im Großen und Ganzen zufrieden sind, da sie so im Ungewissen bleiben. „Gotham“ hat so gut wie jeden Aspekt von Batman fröhlich verändert, behält aber die Zuneigung der Fans, weil seine Pulp-Comic-Ästhetik die Heimatstadt des Dunklen Ritters so treffend einfängt wie keine Adaption zuvor (außer vielleicht „Batman: The Animated Series“).
Es gibt Serien, die spielen lieber im seichten und sicheren Element. Und dann gibt es Preacher. Als die Adaption der legendären Vertigo-Comics von Garth Ennis und Steve Dillon das Licht der Welt erblickte, war schnell klar: Das hier ist keineswegs das übliche dümmliche Fernsehen. Es ist eine gottlose, blutgetränkte Odyssee durch das amerikanische Hinterland, die alles zertrümmert, was man über Religion, Moral und Superhelden zu wissen glaubte.
Ein Trio aus der Hölle (oder dem Fegefeuer)
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| Absolute Preacher, mit Cassidy |
Flankiert wird er von zwei der charismatischsten Sidekicks der Seriengeschichte:
Einmal Tulip O'Hare (Ruth Negga): Eine Frau, die eine Bazooka aus Haushaltsgegenständen baut und moralische Kompasse für überbewertet hält. Sie ist der emotionale Anker und gleichzeitig der personifizierte Chaos-Faktor.
Und dann Cassidy (Joseph Gilgun): Ein irischer Vampir, der lieber Drogen konsumiert und über Popkultur philosophiert, als sich mit der Bürde der Unsterblichkeit zu beschäftigen. Gilgun dominiert fast jede Szene und liefert den nötigen schwarzen Humor, um die düstere Handlung aufzulockern.
Western-Ästhetik trifft auf Splatter-Exzess
Was Preacher so besonders macht, ist der visuelle Mut. Die Showrunner Seth Rogen und Evan Goldberg, unterstützt vom erzählerischen Feingefühl eines Sam Catlin, der das Drehbuch schrieb, haben eine Welt geschaffen, die sich wie ein moderner Western auf Acid anfühlt. Staubige Landstraßen, neonbeleuchtete Diner und eine Gewalt, die so überzeichnet ist, dass sie nur als wirklich kunstvoll zu bezeichnen ist.
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| Tulip in der TV-Adaption, (c) AMC |
Die Serie scheut sich nicht vor dem Absurden. Wo sonst trifft man auf einen jungen Mann namens „Arschgesicht“, der einen Schrotflintenschuss ins Gesicht überlebt hat, oder auf Geheimorganisationen wie den „Gral“, die die Blutlinie Christi schützen wollen?
Hinter der Fassade aus fliegenden Körperteilen und blasphemischen Witzen verbirgt sich eine tiefere philosophische Frage: Was passiert, wenn Gott seine Schöpfung im Stich lässt? Jesses Suche nach dem Allmächtigen ist eine zutiefst menschliche Suche nach Sinn in einer Welt, in der es keinen mehr gibt. Die Serie dekonstruiert den blinden Glauben und ersetzt ihn durch eine gnadenlose Eigenverantwortung.
In Zeiten von glattpolierten Multiversen und formelhaften Blockbustern wirkt Preacher wie ein Befreiungsschlag. Die Serie nimmt ihre Zuschauer ernst, indem sie sie ständig vor den Kopf stößt. Sie ist dreckig, sie ist laut und sie hat ein Herz aus purem Rock ’n’ Roll.
„Preacher“ ist nichts für Zartbesaitete. Diese düstere, gewalttätige und respektlose Geschichte setzt neue Maßstäbe im Bereich der grafischen Erzählkunst. Wer einzigartige Geschichten mag, die die dunklen Seiten des Lebens und der Religion mit Humor und Witz beleuchten, für den ist „Preacher“ genau das Richtige. Diese Comic-Reihe prägte viele nachfolgende Werke und Adaptionen. Die ursprüngliche Comic-Reihe ist nach wie vor ein Meisterwerk und sollte im Regal jedes ernsthaften Comic-Fans stehen.



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