Bis in alle Endlichkeit / James Kestrel

2022 gewann der Rechtsanwalt und Schriftsteller Jonathan Moore für seinen Roman "Five Decembers" (Fünf Winter") den Edgar Award. Ja, er gewann auch den deutschen Krimipreis (International), von dem ich aber bis heute nicht weiß, was ich davon zu halten habe. Manchmal benötigt man zwei Leben, um seine literarischen Arbeiten unterzubringen, also haben wir es hier erneut mit James Kestrel zu tun (unter Moore haben wir leider bisher nur "Poison Artist" in Übersetzung vorliegen).

Der Privatdetektiv Leland Crowe lebt undercover in einem heruntergekommenen Hotel in San Franciscos Tenderloin. Eigentlich sammelt er Informationen über einen Kartellzeugen, als er eines Morgens Zeuge eines seltsamen Anblicks wird: Ein stark beschädigter Rolls Royce Wraith steht vor den Refugio Apartments, das Dach zerschmettert von der Leiche einer jungen, blonden Frau im schwarzen Cocktailkleid. Crowe macht ein paar Fotos und verkauft eines an ein Magazin. Die Tote wird als Claire Gravesend identifiziert, Tochter der einflussreichen und gefürchteten Olivia Gravesend. Während die Polizei von Selbstmord ausgeht, glaubt Olivia nicht an diese Erklärung und beauftragt Crowe, die Wahrheit herauszufinden.

Supergirl - Die Cousine des Stählernen

Supergirl ist eben nicht die weibliche Kopie von Superman. Schon alleine die Tatsache, dass sie eigentlich älter ist als ihr ikonischer Cousin, bringt eine interessante Wendung mit sich. Und dennoch wurde sie über Jahre hinweg auf die Rolle einer Randfigur reduziert. Es ist die Chronik einer Heldin, die immer wieder (metaphorisch) sterben musste, um dann vergessen und erneut ins Leben gerufen zu werden, bis man endlich erkannte, welche Strahlkraft sie wirklich besitzt.

Action Comics #252 © DC

Die Comic-Premiere gehört natürlich weiterhin Kal-El, aber Kara Zor-El alias Supergirl ist tatsächlich älter als Clark Kent, zumindest als Charakter. Ihre Rettungskapsel verließ den zerstörten Planeten Krypton lange vor der von Superman. Ursprünglich hätte sie vor ihrem kleinen Cousin die Erde erreichen sollen, doch ihr Schiff geriet in einen Meteoritenschauer, und Kara war dazu verdammt, Jahrzehnte lang im Kälteschlaf zu treiben. Währenddessen wuchs Clark Kent auf der Erde heran, wurde zu Superman und schließlich zu einem weltweiten Symbol des Heldenmuts. Als Kara dann endlich 1959 in Ausgabe #252 der Action Comics auftauchte, war sie trotz ihres ursprünglichen Vorsprungs diejenige, die sich hinten anstellen musste, „die Neue“, „die Nachgekommene“, „das Mädchen“.

Moon Knight - Die Faust des Mondgottes


Die von Doug Moench und Don Perlin erschaffene Figur des ehemaligen CIA-Agenten Marc Spector erschien erstmals im August 1975 in der Ausgabe 32 der Serie "Werewolf by Night", wo er von einer Gruppe korrupter Geschäftsleute aus Los Angeles, die sich das "Comitee" nennen, und die aus irgendeinem Grund die Kontrolle über einen Werwolf übernehmen wollen, als Söldner Moon Knight angeheuert wurde, um den titelgebenden Werwolf alias Jack Russel zur Strecke zu bringen.

© Marvel

Auf jeden Fall fühlte sich Moon Knight nach der Gefangennahme von Jack und dem Erhalt des Kopfgeldes von 10.000 Dollar mies, weil ihm klar wurde, dass er im Grunde nur einen Menschen an ein paar böse Jungs verkauft hatte, also wandte er sich gegen das Comitee und befreite den Werwolf

Die Verkäufe dieser ersten Auftritte müssen ziemlich gut gewesen sein, denn Marvel brachte Moon Knight für einige Gastauftritten in anderen Serien zurück. Dann bekam er eine Nebenrolle im großformatigen Magazin des Hulk. Schließlich war Moon Knight bereit für seinen wahren Auftritt. 1980 erhielt er seine erste fortlaufende Moon Knight-Soloserie, und seither ist ein fester Bestandteil des Marvel-Universums geblieben.

Dale Cooper - Der exzentrische Schwelger

Geschrieben von Albera Anders

Er ist einer der zwei berühmtesten (Special) Agents, die wir kennen. Jüngere FBI-Agenten wie Dana Scully und Fox Mulder traten in seine Fußstapfen. Er dürfte die Rolle des Agenten neben James Bond, der allerdings für den MI6 arbeitet, nachhaltig geprägt haben. Sein voller Name ist Dale Bartholomew Cooper. Er wurde gespielt von Kyle MacLachlan. Er ist der von David Lynch und Mark Frost ersonnene Hauptcharakter der Fernsehserie Twin Peaks, die zum ersten Mal mit einer Pilotfolge von dem US-amerikanischen Fernsehsender ABC (American Broadcasting Company) am 8. April 1990 ausgestrahlt wurde. Sie lief im Jahr 1990 / 91, sowie in später und mächtig von den Fans ersehnter Fortsetzung im Jahr 2017. Des Weiteren existiert ein im Nachhinein in Anknüpfung des überraschenden Erfolges der Serie gedrehtes Prequel namens Twin Peaks: Fire walk with me. Der Film feierte am 16. Mai 1992 seine Erstaufführung.

Kyle MacLachlan als Agent Dale Cooper
in Twin Peaks  © CBS

Im Jahr 1989 verschlägt es Agent Dale Cooper in das kleine Nest namens Twin Peaks, das dann doch immerhin, wir erinnern uns an das immer wieder gezeigte Ortsschild im Intro, 51 201 Einwohner zählt, um den grausigen Mord an der High-School-Königin Laura Palmer zu untersuchen. Harry S. Truman (eine Reminiszenz an den 33. Präsidenten der USA), der hiesige Sheriff von Twin Peaks, sagt über seinen Kollegen: 

Agent Cooper is the finest lawman I've ever known. I've had nothing but respect for him since he arrived in Twin Peaks. (Agent Cooper ist der feinste Gesetzesmann, den ich jemals kennengelernt habe. Ich empfinde nichts als Respekt für ihn, seit er hier in Twin Peaks angekommen ist.)

Ein Toast auf Edgar Allan Poe

Zu Jahresbeginn ist der Himmel in Baltimore stets bewölkt, es ist kalt, und Schnee perlt aus einem dunklen Himmel. Im Schrank hängt eine nicht zu verachtende Garderobe, aber das darf es heute nicht sein, heute hat der etwas abgetragene Mantel seine große Stunde. Auf dem Kaffeetisch liegt ein Band der von James Albert Harrison herausgegebenen siebzehn Bände umfassenden Reihe der Complete Works of Edgar Allan Poe von 1902.

Cognac und Rosen, die am 19. Januar 2008 an Poes heutigem Grab (es gab bis 1875 ein anderes) gefunden wurden, wahrscheinlich von einem Nachahmer hinterlassen.
Cognac und Rosen, die am 19. Januar 2008 an Poes heutigem Grab (es gab bis 1875 ein anderes) gefunden wurden, wahrscheinlich von einem Nachahmer hinterlassen.

Die Nacht senkt sich schnell, es ist die perfekte Bühne für einen namenlosen Mann, der sich wie jedes Jahr am 19. Januar in einer frostigen Nacht aufmacht, um auf dem alten Westminster-Friedhof drei Rosen und eine Flasche Cognac auf das Grab der berühmten Gedenkstätte zu legen. So geheimnisvoll wie der Unbekannte gekommen ist, verschwindet er auch wieder. Vielleicht ist sein Kopf angefüllt mit Gedichten, die einen unglaublichen Klang besitzen, wenn man sie laut ausspricht. Wie Zaubersprüche, nur noch wirksamer.

Garth Ennis: Der Ketzer aus Belfast

Garth Ennis via Marvel Fandom

Belfast und die Prägung eines Blicks

Garth Ennis, 1970 in Holywood, County Down, Nordirland, geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belfast, einer Stadt, die in den 1970er- und frühen 1980er Jahren von einem brutalen internen Konflikt zerrissen war. Der bewaffnete Konflikt zwischen republikanischen und unionistischen paramilitärischen Gruppen sowie die britische Militärpräsenz bestimmten das Leben in Belfast in einer Intensität, die Außenstehende nur schwer begreifen können. Checkpoints gehörten zum Alltag, Bombendrohungen waren an der Tagesordnung, und die allgegenwärtige Nutzung von Gewalt als politisches Werkzeug prägte das Leben der Menschen. Obwohl Ennis in Interviews betont hat, dass er kaum bewusste Erinnerungen an diese Zeit hat, ist gerade diese vermeintliche Normalität bezeichnend. Niemand wächst in einem von Gewalt geprägten Umfeld auf, ohne eine gewisse Haltung dazu zu entwickeln, und sei es ein nüchternes Verständnis dessen, was Gewalt ist und wie sie die Menschen verändert.

Dieses Verständnis durchzieht das gesamte Schaffen von Ennis und hebt ihn signifikant von vielen anderen seiner Kollegen ab. Während etwa Frank Miller Gewalt oft als ästhetisches Spektakel inszeniert oder Alan Moore sie bis ins kleinste Detail analysiert, stellt Ennis sie in einer kompromisslosen Direktheit dar. Er verzichtet auf Verklärung oder stilistische Ausschmückung. Gewalt ist bei ihm hässlich und alltäglich, mit realen Konsequenzen für Täter wie Opfer, mitsamt deren Schwächen, Fehlern und einer manchmal tragischen Lächerlichkeit.

Die Knochen und ihr Mädchen (Sylvia Heike)

Geschrieben von Sylvia Heike
übersetzt von Pulp Matters

Es ist das erste Mal, dass Camille seine Knochensammlung sieht. Sie schlendert am Rand von Simons Bücherregal entlang und streicht mit ihren Fingern über die Exemplare in den Regalen. Die sanft beleuchteten Knochen erinnern sie an Muscheln, glatt und weiß, seidig unter ihrer Berührung.

Kleine Tierschädel mit Zähnen, die scharf genug sind, um die Haut zu durchbohren. Ein größerer mit gewundenen Hörnern, die Art, über die man in der Wüste stolpern kann, wenn einem das Wasser ausgeht. Einzelne Knochen, ein Glasgefäß mit Zähnen. Der Rest der Wohnung ist dunkel. Sie wirft einen Blick auf Simons schlanke Silhouette am Fenster. Die Sonne geht hinter ihm unter und verschluckt die Stadt. "Ist einer von ihnen menschlich?"

The Limits of Control (Jim Jarmusch)

Schon der Anfang von The Limits of Control erklärt die Konsequenz des Films, ohne dass man es bis zum Ende weiß.

Andererseits dauert es auch nicht lange, bis man vom Zusammenspiel von Form, Funktion und Protagonist gefesselt ist. Nach etwa zehn Minuten fragt man sich, ob es hier überhaupt etwas zu sehen gibt. Nach weiteren fünf Minuten steht die Antwort fest. Es ist eine Genreübung, die alle Erwartungen unterläuft. Es ist eine Genreübung, die alles Gewohnte ausblendet.

© Tobis Film GmbH & Co. KG

Im Großen und Ganzen folgt The Limits of Control einem Mann (De Bankolé), der mit einer Reihe exzentrischer, aber namenloser Figuren (wie er selbst) interagiert. Er wartet, lehnt alle irdischen Genüsse außer Espresso ab und erfüllt schließlich seine Rolle als Auftragskiller.

Der Thriller - Ein durchdringendes Genre

Ein Wort macht Karriere

Wer heute "Thriller" sagt, meint zugleich ein Buch, einen Film, ein Videospiel, eine Playlist und vielleicht noch Michael Jacksons berühmtes Musikvideo. Kaum ein Gattungsbegriff hat eine vergleichbare kulturelle Inflation erlebt. Dabei ist das Wort selbst verblüffend jung und verblüffend klar in seiner Herkunft.

"To thrill" bedeutet im Englischen so viel wie durchrieseln, erbeben, erschauern lassen. Wir stoßen bereits im frühen 14. Jahrhundert auf das altenglische Wort þyrlian, das "durchlöchern" oder "durchstechen" bedeutet. Der Begriff þyrel bedeutete im Mittelenglischen etwa "Nasenloch". Und dann gibt es noch den Begriff þurh, der "durch" bedeutet, vergleichbar dem mittelhochdeutschen "dürchel", der ebenfalls "durchbohrt" oder "durchlöchert" bedeutet. In den 1590er Jahren entstand die übertragene Bedeutung des Thrillers als etwas, das "ein frostiges, aufregendes Gefühl vermittelt", was auf die Vorstellung zurückgeht, von einer emotional durchdringenden Kraft erfasst zu werden.

Der Thriller

Ein Thrill ist also etymologisch kein sanftes Kribbeln, sondern ein Durchstich: etwas dringt in uns ein, ohne dass wir uns wehren können. Das Körperliche, ja Invasive dieser Metapher wird von Anfang an über die körperliche Wirkung auf sein Publikum definiert; nicht so sehr über eine Figur, einen Schauplatz oder eine Moral, sondern über ein bestimmtes Gefühl. Das ist eine bemerkenswerte Ausnahme in der Gattungsgeschichte. Wir sagen ja nicht "Weinlich" für das rührselige Drama oder "Lachhaft" für die Komödie, auch wenn diese Wörter existieren. Beim Thriller jedoch wird der Affekt buchstäblich zum Namensgeber.

Watchmen / Alan Moore

Dem Autor Alan Moore, dem „Zauberer” hinter „V wie Vendetta”, „Batman: The Killing Joke”, „From Hell” und vielen anderen Titeln, ist es gelungen, seine zeitgenössischen Ideen auf revolutionäre Weise durch das Medium Comic zu vermitteln. Indem er sich mit universellen Konzepten auseinandersetzte und sie durch Symbolismus und Satire aufschlüsselte, erregte er schnell die Aufmerksamkeit der Welt. Er wurde zu einem wichtigen Einfluss in der Populärkultur, denn sein Werk besitzt bis heute eine unvergleichliche Relevanz für die moderne Politik und Philosophie. Zu seinen bedeutendsten Comics gehört das mit dem Hugo Award ausgezeichnete Hauptwerk Watchmen, das mit seiner Erzählung, seinen Themen, seinen Figuren und seiner philosophischen Botschaft die Comic-Industrie schlagartig veränderte.

Watchmen © DC Comics

Die Geschichte von Watchmen ist in einer alternativen Realität angesiedelt, die sich am Zustand der Welt in den 1980er Jahren orientiert. Sie ist ein ausladender Kommentar zum Superheldenkonzept und seinen persönlichen sowie politischen Implikationen vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs. Zwar absolviert Richard Nixon hier mehrere Amtszeiten als Präsident der Vereinigten Staaten und die USA gewinnen den Vietnamkrieg, doch die zentrale Wendung dieser realistisch dargestellten Geschichte ist die Existenz von Superhelden und ihre Verantwortung für die Entwicklung der internationalen Beziehungen und die Verbrechensbekämpfung. Während die Spannung ins Unermessliche steigt, deutet der Mord an einem ehemaligen Helden auf ein größeres Komplott hin. Aufgrund des Keene-Gesetzes sind Vigilanten nun illegal und ihre Aktivitäten sind untersagt. 

Die unerwartete Zeugin / Daniel Weber

Die zweifelhafte Erschaft (Phillipsdorf 1)

Der zweite Band der "Phillipsdorf-Reihe" von Daniel Weber wartet zunächst mit einer angenehmen stilistischen Überraschung auf, dass der Kern des Romans die Untersuchung eines äußerst skurrilen Mordes nachzeichnet. Ohne viel Federlesens beginnt das Abenteuer mit dem Interview eines Geistes, der weiß, was wirklich geschehen ist mit Christoph Biber, der nach dem bestialischen Mord an einer jungen Frau in einer Klinik für geistesgestörte Verbrecher selbst tot aufgefunden wird - erwürgt von seiner eigenen Hand. Der Geist - eine Dame mit dem Namen Leichtfried, meldet sich bei Stefan Hanns, weil ihr Gerechtigkeitssinn sie dazu treibt. Sie weiß zu berichten, dass Biber unschuldig ist. Und tatsächlich wissen wir es am Ende auch, was wir aber im Laufe des Romans erfahren, ist völlig unglaublich. Nun, im Grunde unglaublich, aber schauen Sie sich um, liebe Leser, liebe Leserinnen! Schauen Sie sich um und werden Sie sich gewahr, wo wir uns befinden! In Phillipsdorf, im Bezirk des Wahnsinns!

Die unerwartete Zeugin
Daniel Weber im Blitz-Verlag

Im Laufe der Untersuchungen, die Stefan Hanns mit seinem besten Freund Raphael Kurzhaus führt (der ihm plötzlich ebenfalls wie ein Enigma erscheint aufgrund seiner schon im ersten Band "Die zweifelhafte Erbschaft" überraschenden Qualitäten als Geisterjäger), erfahren wir die unausweichlich auf ein entsetzliches Ende zusteuernde Geschichte des Studenten, der im Alter von 20 Jahren nach Phillipsdorf kam und zum Spielball von Mächten wurde, die er zu keiner Zeit begreifen konnte.

Flash Gordon - Dreigroschenoper im Weltall

Flash Gordon war nicht der erste große Science-Fiction-Held (John Carter und Buck Rogers kamen ihm zuvor), aber er war der erste, der ein multimediales Franchise hervorbrachte. Er erschien 1936 in den Kinos und inspirierte den Großteil des Genres, an dessen Spitze heute Star Wars steht.

Anfang der 1930er Jahre wollte King Features Syndicate einen Science-Fiction-Comic veröffentlichen, der mit dem wilden und beliebten Buck Rogers konkurrieren konnte. Einer ihrer Mitarbeiter, Alex Raymond, erhielt den Auftrag und entwickelte Flash Gordon, der 1934 erstmals in Zeitungen erschien. Wie Buck Rogers war auch Flash Gordon ein irdischer Actionheld, doch anstatt wie sein Vorgänger in die Zukunft geschleudert zu werden, reist Flash mit einer selbstgebauten Rakete zum bösen Planeten des Mongo, der die Erde bedroht.

Flash Gordon
© Dynamite Comics

Auf Mongo treffen Flash und seine Verbündeten Dale Arden und Dr. Zarkov auf eine Vielzahl seltsamer Kreaturen, darunter Menschen mit den Eigenschaften von Tieren wie Löwenmenschen und Falkenmenschen. Sie führen eine Rebellion gegen den Diktator Ming, den Unbarmherzigen, an. Natürlich hat Ming eine schöne Tochter, Prinzessin Aura, die sich als gute Person herausstellt und auch mit Flash flirtet, obwohl Flashs Beziehung zu Dale Vorrang hat.

Urbane Legenden, wahre Verbrechen, und was beides verbindet

Geschrieben von Jen Williams
übersetzt von Pulp Matters

Hören Sie mir zu. Was ich Ihnen erzählen möchte, ist dem Freund des Cousins meines Cousins tatsächlich passiert. Das war vor Jahren, lange bevor wir das Internet oder Mobiltelefone hatten, das muss man bedenken. Und es ist in den Staaten passiert - Sie wissen ja, dass die da draußen große Häuser haben, Häuser mit großen Gärten, die weit von der Straße zurückgesetzt sind. Wie auch immer. Dieses Mädchen, sie ist sechzehn, passt auf die Kinder der Nachbarn auf. Es ist spät, die Kinder sind schon im Bett, und sie sitzt da und macht Hausaufgaben, als das Telefon klingelt - jemand ruft auf dem Festnetz an. Sie geht ran, in der Erwartung, dass ein Elternteil sich danach erkundigt, ob alles in Ordnung ist, aber alles, was sie hört, ist eine Männerstimme. Sie kennt sie nicht. Der Mann sagt: "Haben Sie schon nach den Kindern gesehen?". Unser Mädchen legt den Hörer auf, verärgert und ein wenig erschrocken über den Scherzanruf. Sie geht zurück an ihre Arbeit. Und dann, ein paar Minuten später, ein weiterer Anruf. "Haben Sie schon nach den Kindern gesehen?" Diesmal beschimpft sie ihn mit allen möglichen Namen, aber außer schwerem Atmen ist von ihm nichts weiter zu hören. Nach dem dritten Anruf legt sie den Hörer auf und ruft die Polizei an. Die Polizei ist skeptisch, aber zu ihrer Beruhigung erklären die Beamten ihr, dass beim nächsten Mal den Anruf zurückverfolgen werden. Unser Mädchen wartet mit einer Mischung aus Angst und Wut, gespannt darauf, ob sich der Anrufer wieder meldet. Das tut er, und nachdem das Mädchen aufgelegt hat, klingelt das Telefon erneut und die Polizei ist dran. Jetzt klingen die Beamten nicht mehr so skeptisch. "Sie können dort nicht bleiben", sagen sie ihr. Die Anrufe kommen aus dem Inneren des Hauses, in dem Sie sich befinden".

Die okkulte und symbolische Dimension von James Bond

Laut Adam Howard von der National Broadcasting Company ist jeder Bond ein interessanter Spiegel seiner Zeit. So spiegelte Sean Connery zum Beispiel die sanfte Kraft wider, die die Kultur während des Kalten Krieges benötigte. Wer hat schon Angst vor Kommunisten, wenn es so elegante Operateure wie Bond gibt? Nach Watergate war jedoch Roger Moores pingeliger Bond ein großer Gegenpol zur Ernüchterung der damaligen Zeit.

Was Timothy Dalton betrifft, so tauchte sein weniger sexualisierter 007 auf der Leinwand etwa zur gleichen Zeit auf, als Amerika anfing, sich mit der zunehmenden AIDS-Krise auseinanderzusetzen. Und mit seinem Schwerpunkt auf Gadgets und extravaganten Stunts repräsentierte Pierce Brosnan den Tech-Boom der 90er Jahre. Heutzutage hat Daniel Craig uns eine Post-9/11-Version gegeben.

Casino Royale
Der erste Bond

Die Spur des Hexers / Wolfgang Hohlbein

Heute geht es um Wolfgang Hohlbein und seinen Hexer von Salem. Das war eine Roman-Serie, die von 1985 bis 1987 im Bastei-Verlag erschien, vorher aber schon im legendären Gespenster-Krimi startete, auch wenn es dort nur zu sechs Ausgaben kam. Später wurde die Serie im Taschenbuch weitergeführt und zum Schluss wurden 24 überarbeitete Bücher daraus. Hohlbein musste sich in vielen kindischen Kommentaren der Kritik aussetzen, dass er sich ordentlich bei Lovecraft bedient hat. Interessanterweise ist das genau der Sinn der Sache, aber im Gegensatz zu den Vielen, die heutzutage versuchen, wie Lovecraft zu klingen oder sogar Lovecraft zu sein, spinnt Hohlbein eine ganz eigene Variante im kosmischen Horror zusammen, die natürlich auf Unterhaltung abzielt - auf was denn sonst? Ich möchte mir an dieser Stelle die Serie eine Zeitlang anschauen und beginne mit dem Buch Die Spur des Hexers. Hohlbein hat erst 1990 den eigentlichen Beginn seiner Geschichte veröffentlicht. In diesem Prequel treffen wir Robert Craven nur am Rande an, denn er ist dort erst drei Jahre alt. Hauptakteur ist demnach dessen Vater Roderick Andara.

Wolfgang Hohlbein
Wolfgang Hohlbein

Der Name “Andara” ist ein Begriff aus der Welt der Kristalle. Besser gesagt handelt es sich dabei um Lava-Glas, genauer: um einen vulkanischen Obsidian. Gefunden wurden diese Steine im Gebiet der Choctaw-Indianer in Nordkalifornien, die ihnen besondere Heilkräfte nachsagen. Das interessanteste Phänomen der Steine dürfte sein, dass sie ihre Farben verändern können. Der altgermanische Vorname “Roderick” ist ebenfalls gut gewählt. Einige legendäre und historische Persönlichkeiten trugen ihn. Dass Wolfgang Hohlbein sich von dem 1983 erschienenen SciFi-Abenteuer “Roderick” von John Sladek hat inspirieren lassen, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen, gehört das Buch doch zu den 100 besten Romanen der Science-Fiction, und es tauchen, wie in der Folge noch zu sehen ist, nicht wenige bekannte oder verdrehte Namen in der ganzen Geschichte auf (Bella Lugosi ist ein Beispiel; bei Hohlbein ist er eine Sie und seine Gastgeberin in Arkham und natürlich nicht der zukünftige Dracula-Darsteller).

Carmilla, der Vampir

Geschrieben von Albera Anders

Sicher zählt Carmilla nicht zu Le Fanus herausragendsten Werken, denkt man z.B. an Schalken the Painter von 1851. Doch aber diente Carmilla 25 Jahre später als Inspirationsquelle für Bram Stokers epochemachenden Dracula. 

Schauerliteratur

Interessant ist: Le Fanu träumte seinen weiblichen Vampir, dieses Wesen, das er Carmilla nannte. Carmilla alias Millarca alias die Gräfin Mircalla Karnstein, die eine, wie sich später durch ein Familienportrait herausstellt, Vorfahrin von Laura ist. Die, deren Name du nicht wissen darfst. Die ihren Namen anagrammiert statt ihn zu nennen. Die es scheut beim Namen genannt zu werden, wie Dämonen es tun, um nicht gebannt zu werden. Und Laura. Zwei wie Licht und Schatten. Die eine ätherisch in ihrer Erscheinung, die andere irdisch blühend. Zwei, die sich dennoch gleichen. Jung. Unglaublich schön. Sehnend nach Leben.

Laura, die erzählt, von ihrer Begegnung mit Carmilla. Laura, die als "Siegerin" aus der Geschichte hervorgehen wird, ganz ihrem Namen nach. Wenn auch am Ende traumatisiert. Laura, die Besonnene. Die mit ihrem Vater, einem General, und zwei Gouvernanten auf einem Schloss in der Steiermark lebt. Recht einsam. Sich sehnend nach Austausch mit anderen Menschen, da General Spielsdorf, ein Freund ihres Vaters, erst kürzlich in einem Brief absagte der kleinen Familie gemeinsam mit seiner Nichte Bertha einen Besuch abzustatten. Bertha: ein nicht minder schönes Mädchen, das von einem weiblichen Wesen, das sich ihr als Millarca vorstellte, heimgesucht wurde und zum Opfer fiel, wie schon viele andere Mädchen vor ihr. Laura, die ihre Mutter verloren hat als sie noch sehr klein war. Die keine Furcht kennt, da man ihr, auf Geheiß ihres Vaters, keine Geister- und Gruselgeschichten als Kind erzählen durfte. Laura, die uns zu Beginn verrät: 

“Hätte ich mich doch nur gefürchtet! Meine Begegnung mit Carmilla wäre sicherlich anders verlaufen.”

Hulk - Der Mann, der nicht wütend sein darf

Der Hulk ist kein Superheld mit einem Wutproblem. Er verkörpert ein Wutproblem, in dem ein Superheld steckt und ist damit eine Figur, die sich zu einer der tiefgründigsten Auseinandersetzungen mit männlicher Gewalt, Traumata und unterdrückten Emotionen im amerikanischen Mainstream-Comic entwickelt hat.

Jack Kirbys Hulk

Im Mai 1962 wurde die erste Ausgabe von The Incredible Hulk veröffentlicht. Bereits auf der zweiten Seite begegnet den Lesern Bruce Banner: schüchtern, blass, mit gebeugter Haltung und in einen weißen Laborkittel gehüllt, der ihn kleiner und verletzlicher erscheinen lässt, als er tatsächlich ist. Wenige Seiten später, nach der Explosion der Gammabombe, tritt das "Andere" zum ersten Mal in Erscheinung: massig und grau (die grüne Hautfarbe kam erst ab der zweiten Ausgabe), mit winzigen Augen und einer ungebändigten Wut, die jeglicher Sprache entbehrt. Diese erste Verwandlung ist bereits eine Konfrontation. Von Beginn an geht es hier um die zentrale Frage: Was geschieht mit einem Menschen, dem beigebracht wurde, seine Gefühle zu unterdrücken?

The Incredible Hulk © Marvel Comics
The Incredible Hulk © Marvel Comics

Die zweifelhafte Erbschaft / Daniel Weber

Es gibt Städte, die größer sind als ihre Landkarte. Wien ist eine davon. Unter den barocken Fassaden, den akkurat nummerierten Bezirken, den Grüften und Kaffeehäusern, rumort seit Jahrhunderten ein anderes Wien: ein Wien der Widergänger, der toten Engel, der verdrängten Träume. Daniel Weber hat diesem unsichtbaren Wien einen Namen gegeben: Phillipsdorf, den "verbotenen 24. Bezirk".

Daniel Weber / Die zweifelhafte Erbschaft
Daniel Weber im Blitz-Verlag

Was Weber hier entwirft, ist kein Schauplatz im herkömmlichen Sinn, sondern ein lebender Organismus. Phillipsdorf ist das Übermaß der Stadt, das, was sie nicht aushält. Ein Bezirk, der nur existieren kann, weil er offiziell nicht existiert. Schon in dieser paradoxen Logik liegt sein phantastisches Prinzip: ein Ort zwischen Realismus und Wahn, zwischen Topographie und Mythos. Wo die Gothic Novel noch das Grauen in alten Mauern suchte und die Weird Fiction das Fremde als kosmischen Einbruch verstand, kommt bei Weber das Unheimliche aus der Ordnung selbst, aus Wien, das sich im eigenen Spiegel nicht mehr erkennt.

Spirou - Der Page im roten Kostüm

Spirou
Spirou in seinem klassischen Kostüm.

Die Figur des Spirou wurde erstmals 1938 von dem Künstler François Robert Velter (besser bekannt unter seinem Pseudonym "Rob-Vel") gezeichnet. In dem phantasievollen ersten Comic läuft Spirou buchstäblich vom Blatt, als er auf eine Stellenanzeige als Page antwortet. (Im Laufe der Zeit wechselte Spirou den Beruf und wurde Reporter, aber seine kultige rote Pagenuniform legte er nie ab.) Velters Comics über Spirou und sein Eichhörnchen Pips konzentrierten sich im Allgemeinen auf alberne Gags und verzichteten auf ernsthafte Dramen. Sie erwiesen sich als recht populär, und der Verlag Dupuis bekundete Interesse, die Comics herauszugeben. Für die damalige Zeit ungewöhnlich, verkaufte Velter die Rechte an den Figuren, so dass seither andere Geschichten für Spirou schreiben und zeichnen konnten – und es auch taten! Bis heute haben sich mehr als 20 Autoren und Künstler daran versucht. Am bekanntesten sind André Franquin (der den Comic von 1947 bis 1969 führte) und das Team Philippe ‚Tome‘ Vandevelde und Jean-Richard.

Spirou von Rob-Vel
Spirou von Rob-Vel

Tales from the Crypt

Wenn das Grauen spricht

In den knisternden Schatten der amerikanischen Nachkriegszeit, als Fernsehgeräte wie neue Hausaltäre in den Wohnzimmern flimmerten und das Comicregal noch der subversivste Ort eines Kiosks war, erhob sich eine Stimme aus der Gruft. Tales from the Crypt. Dieser Name allein ließ Kinderherzen schneller schlagen, Eltern besorgt die Stirn runzeln und Politiker nach dem Zensurstempel greifen. Die Geschichten aus der Gruft waren nicht einfach nur Horrorcomics. Sie waren ein Tor in eine düstere Parallelwelt, in der Moral und das Makabere ein tückisches Tänzchen aufführten.

Entstanden Anfang der 1950er Jahre bei EC Comics unter der Federführung von William Gaines, war Tales from the Crypt wesentlich mehr als ein weiterer Titel. Es war ein Flaggschiff in einer Welle von sogenannten "Horror-Anthologie-Comics", die dem amerikanischen Traum den Sargdeckel zeigten. Die Geschichten waren makaber, blutig, und kamen oft mit einer ironischen Pointe daher, und sie wurden von Erzählern wie dem Crypt-Keeper, dem Vault-Keeper und der Old Witch präsentiert, Figuren, die gleichzeitig Gaukler, Richter und Galgenvögel waren.

Crypt Keeper © EC Comics
Crypt Keeper © EC Comics

Es war eine Zeit, in der Comics noch wild und ungezähmt waren. Wo Zeichner wie Jack Davis, Graham Ingels oder Al Feldstein mit spitzem Stift den Albträumen der Leser eine Form gaben. Ihre Panels trieften förmlich vor Atmosphäre. Da gab es neblige Friedhöfe, schiefe Herrenhäuser und aufgerissene Gräber. Kein Detail war zu morbide, kein Ende zu grausam. Die Erzählungen waren kleine moralische Opern, in denen Ehebrecher, Gierhälse und Betrüger ihr verdientes Ende fanden, meist mit einem schaurigen Grinsen serviert.

Die Anfänge der Schauerliteratur

Schauerliteratur

Gleich zu Beginn müssen wir zunächst über eine übersetzungstechnische Definition sprechen. Im Deutschen wird der Ausdruck „Schauerliteratur“ oft als Übersetzung für Gothic Fiction benutzt, auch wenn diese Begriffe nicht hundertprozentig deckungsgleich sind. Für unsere Zwecke soll diese Vereinfachung jedoch genügen.

Aber was genau macht Schauerliteratur aus? Eine klare Definition des Genres ist schwer zu greifen, unabhängig davon, ob wir es Gothic Fiction nennen oder nicht. Dennoch lassen sich einige wiederkehrende Merkmale identifizieren, die typische Schauergeschichten oftmals miteinander verbinden, wobei längst nicht jede dieser Erzählungen all diese Bestandteile aufweist. Ähnlich wie der Begriff „postmodern“, bleibt auch Schauerliteratur ein Konzept, das sich starren Kategorisierungen entzieht und in seiner Bedeutung flexibel bleibt.

Historische Masken

Geschrieben von Marie Robinson

Eine Maske hat etwas sehr Unheimliches. Für mich ist es der starre Ausdruck auf dem Gesicht, der mir am meisten Angst macht. Für andere ist es vielleicht das überwältigende Geheimnis, wer sich hinter der Maske verbirgt. Aber wir haben uns hier nun einmal den interessanten Dingen gewidmet, ob wir sie fürchten oder nicht. Also lasst euch von diesen historischen Masken einfangen.

Visard
Gemälde von Felice Boscaratt

1. Visard

Diese Masken waren im 16. Jahrhundert bei wohlhabenden Frauen sehr beliebt. Sie bestanden aus einem mit schwarzem Samt überzogenen Oval mit zwei Augenlöchern und einer kleinen Perle darin, die die Dame zwischen die Zähne klemmte. Sie bedeckte das ganze Gesicht und diente in erster Linie dazu, auf Reisen oder bei längeren Aufenthalten im Freien einen Sonnenbrand zu vermeiden, denn helle Haut war nicht nur modisch, sondern auch ein Zeichen von Klasse. Die Maske wurde ohne Mund hergestellt, um das Mysterium der Frau zu verstärken, obwohl viele dieses Accessoire für teuflisch hielten.

Die okkulten Detektive

Sherlock Holmes ist eine der berühmtesten Figuren der Kriminalliteratur, die 1886 von dem britischen Autor Arthur Conan Doyle erfunden wurde. Seitdem hat er viele Nachahmer inspiriert und Variationen hervorgebracht, die sich in unterschiedlichen Zeiten, Orten und Berufen als Detektive betätigen. Doch schon vor Holmes gab es Geschichten, die sich mit Verbrechen und deren Aufklärung beschäftigten, wie zum Beispiel Georg Philipp Harsdörffers "Der große Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichten" aus dem 17. Jahrhundert oder die sogenannten Newgate-Romane von Edward Bulwer-Lytton im 19. Jahrhundert.

Schauerliteratur

Die Anfänge der Kriminalliteratur lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als Edgar Allan Poe seinen berühmten Detektiv Auguste Dupin in "Die Morde in der Rue Morgue" (1841) erschuf. Diese Erzählung gilt als eine der ersten Quellen für das Genre, das sich aus der jahrhundertealten Tradition der Schauerliteratur entwickelte. Dabei wurde die Rolle des Gefühls von der Vernunft abgelöst, ohne jedoch auf die schaurige Atmosphäre zu verzichten. So entstand auch die Idee, Geister und andere übernatürliche Phänomene mit kriminalistischen Methoden zu erforschen. Das Genre der "Geisterdetektive" oder der "okkulten Spürnasen" war geboren, noch bevor Sherlock Holmes die Bühne betrat, und bewegte sich an der Grenze zwischen Rationalität und Mystik.

Die Welt bei Kerzenschein

Folklore und Legenden sind Teil eines Vermächtnisses unserer ursprünglichen Ängste, die in der Morgendämmerung der Menschheit ihren Ursprung haben, als die Welt noch vom Übernatürlichen dominiert war: Wälder, Hügel, Berge und Flüsse waren der Lebensraum von alten, unsichtbaren Dingen. Leben bedeutete, im Schatten dieser Geheimnisse zu leben. Kerzen drückten die tiefe Angst des Menschen aus, nur in einem kleinen Lichtkreis inmitten einer riesigen, dunklen Welt zu leben.

Dieses Motiv ist eine Konstante in fast jedem Mythos. Hrothgar, der König der Dänen, erbaute eine große Festhalle in den wilden Mooren Dänemarks und brachte damit das Licht und das Lachen der Menschen in die dunkle Landschaft seines Reiches. Grendel, einer der drei Gegenspieler des Beowulf, zahlt es den Eindringlingen in sein Gebiet heim, indem er sich nachts in die Halle schleicht und alle Anwesenden ermordet. Die goldenen Tapeten sind abgerissen, die Lichter der Halle erloschen, und das Moor liegt wieder still und leise da.

Frank Miller: Das Evangelium des Schattens

Frank Miller und die Neuinterpretation des Comic-Noir als Weltanschauung, Ästhetik und politisches Statement.

Olney und Millers Wurzeln

Frank Miller, geboren 1957 in Olney, Maryland, und aufgewachsen in Montpelier, Vermont, fand seine prägenden Inspirationen in Regionen, die kulturell eher unscheinbar sind. Vielleicht war es gerade der Mangel an urbaner Eleganz, der seine Vorstellungskraft formte und ihn zeitlebens von der Faszination für das Abgründige, die Dunkelheit und die raue Realität des amerikanischen Stadtlebens nicht entkommen ließ. Miller entstammte keinem akademischen Umfeld; seine prägenden Einflüsse waren die billigen Comichefte seiner Jugend, die Kriminalromane von Mickey Spillane und Raymond Chandler sowie die Schwarzweißfilme der 1940er Jahre, in denen Licht und Schatten untrennbar mit Gut und Böse verknüpft sind. Diese frühen Eindrücke zementierten eine ästhetische und erzählerische Grundstruktur, die sich konsequent durch sein gesamtes Werk zieht.

Morgen wird der Sonnenuntergang blau sein

Geschrieben von Jeremy Szal
übersetzt von Pulp Matters

"Komm schon!" Benns Stimme dröhnt in meinem Helm und es hört sich an, als befände er sich direkt neben mir, obwohl ich zwanzig Meter hinter ihm liege. Ich war noch nie gut im Laufen. Jetzt, bei niedriger Schwerkraft, bin ich noch schlechter. Regelrecht lahm.

Normalerweise würde ich ihm sagen, er soll die Klappe halten und sich gefälligst meinem Tempo anpassen. Wie jeden Abend werden wir den Sonnenuntergang von Dzilt erleben, der sich in einem sanften Blau vom silbernen Horizont des Planeten abhebt. Aber da ich weiß, was ich weiß, lege ich einen Zahn zu. Der große Kerl grinst hinter seinem Visierhelm, als ich den Hügel erreiche, atemlos und verschwitzt in meinem hautengen Anzug. Meine Brust hebt sich. "Du hast gewonnen", schnaufe ich.

Batman - Der dunkle Ritter

Der dunkle Ritter
Der dunkle Ritter

Die Erzählung von Batman hat sich längst zu einem modernen Mythos entwickelt. Der junge Bruce Wayne wird Zeuge der brutalen Ermordung seiner Eltern und schwört, das Verbrechen zu bekämpfen. Getrieben von diesem Ziel, widmet er sein Leben der Selbstdisziplin. Er meistert nahezu sämtliche Kampfkünste, eignet sich wissenschaftliche Expertise an, wird ein brillanter Detektiv und stellt sich den zahlreichen Bedrohungen, die seine Heimatstadt Gotham City heimsuchen, eine Stadt, die mittlerweile genauso ikonisch ist wie der Dunkle Ritter selbst.

Seinen ersten Auftritt hatte Batman im Mai 1939 in Detective Comics Nr. 27. Schon ein Jahr später erhielt er eine eigene Comicreihe. Offiziell wurde die Figur von Bob Kane geschaffen, nachdem der Redakteur Vin Sullivan ihn damit beauftragt hatte, einen neuen Helden zu entwickeln, der an den Erfolg von Superman anknüpfen sollte. Doch viele der markanten Merkmale Batmans entstanden durch den wenig bekannten Autor Bill Finger, dessen entscheidender Einfluss erst spät gewürdigt wurde. Während Kane das grundlegende Konzept eines maskierten Detektivs lieferte, war es Finger, der dem Helden seine unverkennbaren Charakteristika verlieh: die düstere Kapuze mit den spitzen Ohren, den Umhang, die Abwesenheit übernatürlicher Kräfte, den bürgerlichen Namen Bruce Wayne und die düstere Kulisse Gothams. Auch die tragische Ursprungsgeschichte des Helden, der Tod seiner Eltern in einer dunklen Gasse, stammt von Finger.

Batman Detectice Comics #27 © DC
Batman Detectice Comics #27 © DC

Aura: Zeit, Körper, Identität bei Carlos Fuentes

Carlos Fuentes' im Jahr 1962 veröffentlichte Novelle Aura zählt zu den bedeutendsten Werken des mexikanischen Autors und ist ein Meilenstein der lateinamerikanischen Erzählkunst des 20. Jahrhunderts. Dieses literarische Meisterstück, geprägt von erzählerischem Experimentiergeist und psychologischer Tiefe, festigte nicht nur Fuentes' Rang als eine der einflussreichsten Stimmen seiner Generation, sondern trug auch maßgeblich zur Etablierung des sogenannten lateinamerikanischen Booms bei. Diese literarische Strömung, die die Region zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren prägte, verhalf Autoren wie Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa und Fuentes selbst zu weltweiter Bekanntheit. Mit Werken wie Aura und Der Tod von Artemio Cruz wurde Fuentes zu einer Schlüsselfigur dieser Epoche. 

Schauerliteratur

Was Aura besonders auszeichnet, ist seine ungewöhnliche Erzählstruktur. Die Geschichte wird in der zweiten Person und im Präsens erzählt, wodurch der Leser unmittelbar in die Rolle des Protagonisten Felipe Montero schlüpft. Felipe, ein junger Historiker, der durch seinen schlecht bezahlten Job und den grauen Alltag zunehmend ausgebrannt ist, entdeckt eine rätselhafte Annonce in einer Zeitung. Diese führt ihn zu einem alten, heruntergekommenen Herrenhaus in der Calle Donceles, wo ihn die gealterte Señora Consuelo, die Witwe eines Generals, mit der Aufgabe betraut, die Memoiren ihres verstorbenen Mannes zu ordnen und fertigzustellen.

Die echten Feen entführten Kinder und tranken menschliches Blut

Geschrieben von Sam George
aus dem amerikanischen Englisch von Pulp Matters

Vergessen Sie Tinkerbell - die Feen der Folklore vergangener Jahrhunderte waren nicht mit denen in den heutigen Geschichten zu vergleichen.

Wenn die meisten Menschen an Feen denken, stellen sie sich vielleicht die glitzernde Tinkerbell aus Peter Pan oder die anderen herzerwärmenden und niedlichen Feen und Feengottmütter vor, die in vielen Disney-Filmen und Zeichentrickfilmen für Kinder vorkommen. Doch diese Kreaturen haben einen viel dunkleren Ursprung - und glichen früher eher untoten, blutsaugenden Vampiren.

In "The Secret Commonwealth of Elves, Fauns and Fairies" (1682) vertrat der Volkskundler Robert Kirk die Ansicht, Feen seien "die Toten" oder "eine Zwischennatur zwischen Mensch und Engel". Diese Assoziation ist in keltischen Überlieferungen besonders ausgeprägt. Lady Jane Wilde verbreitete 1887 folgenden irischen Glauben:

"Feen sind die gefallenen Engel, die von Gott, dem Herrn, wegen ihres sündigen Stolzes aus dem Himmel geworfen wurden … und der Teufel gibt ihnen Wissen und Macht und schickt sie auf die Erde, wo sie viel Böses tun."

Lady Jane Wilde

Sherlock Holmes - Das erste Fandom der Geschichte

Sherlock Holmes ist neben Dracula die am häufigsten adaptierte und inszenierte Kunstfigur der Popkultur. Dass der Detektiv weltweit bekannt ist, liegt jedoch nicht an den genialen Originalgeschichten, sondern an den unzähligen Filmen, Theaterstücken, Musicals und Comics. Fast alle Symbole und Phrasen, die aus den vielen Fernseh-, Film-, Theater- und anderen grafischen Reproduktionen stammen und heute scheinbar zum Kanon gehören - wie etwa der Deerstalker-Hut - kommen in den Texten überhaupt nicht vor. Doch während diese mit der Mode gehen, scheinen die Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle, die immer wieder adaptiert werden, wie nichts zuvor oder danach in unserem kollektiven Bewusstsein verankert zu sein.

Watson und Holmes

Der Reichenbach-Schock

Im Jahr 1893 ließ der Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle den Detektiv Sherlock Holmes von einer Klippe stürzen. Die Klippe liegt in der Schweiz. Darunter rauschen die berühmten Reichenbachfälle. Aber Conan Doyle war gar nicht vor Ort, er erledigte die Drecksarbeit von seinem Londoner Haus aus, wo er schrieb.

Eine Mythologie für England

Es gibt sogar unter den gebildeten Leuten (oder gerade dort) die nie versiegenden Stimmen, die raunen, Tolkien habe sich bei seinem epochemachenden Werk vom zweiten Weltkrieg inspirieren lassen; dann kam John Garth und erklärte in seiner Tolkien-Biographie der Welt, es handle sich um den ersten Weltkrieg, den Tolkien da verarbeite. Tolkien selbst waren diese Verweise schon zu Lebzeiten suspekt, und das zu recht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Analyse eines Literaturwissenschaftlers mehr über den Analytiker aussagt als über das eigentliche Werk. Das ist das eine. Das andere ist die Tatsache, dass man sich in Mainstream-Kreisen den Erfolg eines Fantasy-Werkes irgendwie erklären muss, um sich ihm bedenkenlos widmen zu können.

Selbstverständlich war Tolkien als Autor von Ideen inspiriert, die aus unserer Welt stammen, aber das ist eine Binsenweisheit, die nirgendwohin führt.

In einem Brief an seinen Freund, den englischen Jesuitenpater Robert Murray beschrieb Tolkien "Der Herr der Ringe" einmal als „ein grundlegend religiöses und katholisches Werk, zunächst unbewusst gestaltet, aber in der Überarbeitungsphase dann bewusst ausgeführt“.

Vom True Crime zur Fiktion: Die Geschichte des Kriminalromans

Die Beschreibung von Genres ist selten eindeutig, doch gerade das macht sie überhaupt diskussionswürdig. Wäre alles klar und für jeden offensichtlich, würde ein einfacher Lexikoneintrag ausreichen, um das Thema abzuhaken. Heute richten wir den Fokus auf eines der wohl beliebtesten literarischen Genres überhaupt: den Kriminalroman.


Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass es niemals eine allumfassende Definition eines Genres geben kann. Daher handelt es sich hier lediglich um einen kleinen Überblick. 

Es gibt so viele verschiedene Arten von Kriminalromanen, dass bereits in den 1920er Jahren eine der ersten "Queens of Crime", Dorothy L. Sayers, darüber klagte:

“Es wirkt nahezu unmöglich, den Überblick über die Vielzahl an Krimis zu behalten, die heutzutage produziert werden. Ein Werk nach dem anderen, ob Bücher oder Zeitschriften, strömt aus den Druckpressen, angefüllt mit Geschichten über Morde, Diebstähle, Brandstiftungen, Betrügereien, Verschwörungen, ungelösten Rätseln und nervenaufreibenden Geheimnissen. Die Seiten sind bevölkert von Verrückten, Gaunern, Giftmischern, Fälschern, Würgern, Polizisten, Spionen und Detektiven. Man bekommt das Gefühl, als sei die halbe Welt damit beschäftigt, immer neue Fälle und Intrigen zu ersinnen, nur damit die andere Hälfte sie entschlüsseln kann.” 

Beginnen wir unseren Rundgang mit einer grundlegenden Unterscheidung zwischen der Rätselgeschichte und dem Kriminalroman, bevor wir einen Blick auf einige historische Eckpunkte werfen. 

Comics - Ein Medium im Aufstieg

Comics verfügen seit jeher über spezifische Vorteile gegenüber anderen Medienformen, etwa ihre jahrhundertealte Tradition sowie ihre beinahe universelle Verbreitung. Die Annahme, dass Comics das kommende Jahrhundert dominieren könnten, lässt sich nur dann angemessen verstehen, wenn man anerkennt, dass sie bereits in früheren Jahrhunderten eine bedeutende Rolle gespielt haben, insbesondere in jenen Epochen, die vor der weitverbreiteten Alphabetisierung lagen. Bildhafte Ausdrucksformen wie Glasfenster, Mosaike, politische Karikaturen oder Graffiti lassen sich ebenso der Welt der Comics zurechnen wie heutige digitale Phänomene, etwa Memes oder animierte GIFs in sozialen Netzwerken. Auch wenn diese Artefakte nicht immer auf Originalzeichnungen basieren oder sich strikt sequentiell entfalten, eint sie doch die grundsätzliche Verbindung von Bild und Text, jene radikale Fusion, die das Medium Comic im Kern definiert. In diesem weiten Sinne sind Comics eine universelle kulturelle Ausdrucksform, die in nahezu allen Gesellschaften zu finden ist,  historisch wie gegenwärtig. Selbst im hypothetischen Fall des Verschwindens anderer Medienformen würden Comics als widerständiges und zugleich flexibles künstlerisches Ausdrucksmittel fortbestehen.

London after Midnight

Lon Chaney war ein Ausnahmetalent als Schauspieler, aber auch ein Meister der Maske. Er hob den Einsatz von Make-up im Film auf ein neues Niveau, indem er komplexe und transformative Looks schuf, die es ihm ermöglichten, eine beeindruckende Bandbreite an grotesken Charakteren zu verkörpern, darunter ikonische Rollen in Filmen wie Der Glöckner von Notre Dame, Das Phantom der Oper und Die unheiligen Drei. Sein berüchtigter Koffer, randvoll mit Schminkutensilien, Werkzeugen und Schnüren, wurde geradezu legendär.

Lon Chaney in "London after Midnight"

Lon Chaney schlüpft in London After Midnight gleich in mehrere Rollen dieses bemerkenswerten Stummfilms aus dem Jahr 1927, der von Tod Browning geschrieben und inszeniert wurde. Im Mittelpunkt steht Inspektor Edward Burke, dargestellt von Chaney, der in London den mysteriösen Mord an Sir Roger Balfour aufzuklären versucht. Obwohl der Fall zunächst durch einen scheinbaren Abschiedsbrief abgeschlossen und als vergessen gilt, kehrt fünf Jahre später das Leben in Balfours Haus zurück. Ein rätselhafter Mann mit einer Biberfellmütze, schaurig eingesunkenen Augen und Reißzähnen lässt sich dort sehen. Die Bewohner der Stadt beginnen zu spekulieren, ob es sich um den wiederauferstandenen Balfour handeln könnte, doch in Wahrheit verbirgt sich hinter der unheimlichen Gestalt niemand anderes als Inspektor Burke selbst, der diese Tarnung nutzt, um den eigentlichen Täter zu überführen.

Die Geister, die ich rief (Robert Arthur)

Dankbarer Weise leben wir in einer Zeit, in der uns immer wieder längst vergessene Geschichten ins Haus flattern. Es besteht ein unbedingtes Interesse, altes wieder hervorzukramen, weil es in der Regel besser ist als all das Zeug, das man heute zu lesen bekommt. Robert Arthur wäre sicherlich einer dieser vergessenen Autoren, wenn er nicht die drei Detektive erschaffen hätte. Vermutlich gäbe es keinen Grund, in seinen zahlreichen Erzählungen zu stöbern. Viele wissen nicht einmal, dass er ein Experte seltsamer Geschichten war, eine regelrechte Größe wenn es darum ging, die größten Unwahrscheinlichkeiten mit herrlich gewöhnlicher Plausibilität zu erzählen. Der Kosmos-Verlag brachte bereits 2024 die deutsche Übersetzung des Originals mit dem Titel "Die Geister, die ich rief" heraus. Das mag etwas Verwirrung stiften, denkt man doch unweigerlich an den Filmklassiker mit Bill Murray, dessen Vorlage Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte war. Aber "Geister und mehr Geister" ist auch nicht das Gelbe vom Ei, vor allem, weil das wieder Mary Hottingers Gespenster-Anthologien ins Gehege gekommen wäre. Natürlich hat der Kosmos-Verlag in Robert Arthurs Geschichten gekramt, weil er mit den drei Fragezeichen sozusagen das Flaggschiff des Verlags auf den Weg gebracht hat (was 1964 nun wirklich niemand ahnen konnte). Aber es handelt sich immerhin um einen Autor, der hierzulande noch entdeckt werden muss (wobei ich glaube, dass er auch in seinem Heimatland nicht mehr groß bekannt sein dürfte, außer eventuell bei den Pulp-Enthusiasten).

Abstieg in den lichten Schatten

Geschrieben von W.H. Pugmire
aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Pulp Matters


Ich erwachte in meinem fensterlosen Turm, in dem es nach alten Büchern und Würmern roch, die sie befallen hatten, und fegte die bleichen, geflügelten Viecher aus meinen gelockten Haaren, wo sie sich eingenistet hatten. Ich schüttelte die seidigen Körper von mir, stand auf und starrte auf die weiße Kugel aus sanftem Licht, die knapp über meinem länglichen Schatten schwebte - die Kugel, die von jeher mein Begleiter war. Durch ihr Licht konnte ich die Worte aus den alten Büchern verschlingen, Silben, die ich schmecken konnte, sobald sie gesprochen wurden. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie ich die Kunst des Lesens erlernt habe, aber ich kann mich schwach an die Frau erinnern, die in meinen Träumen tanzte und immer ein weißes Buch in der Hand hielt, die mir die leuchtenden Blätter zeigte und vorsichtig ihre stummen Lippen bewegte, damit ich die Worte verstehen konnte, die sie bildeten.

Superman - Der Mann aus Stahl

Ein merkwürdiges Schauspiel bot sich auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe von Action Comics im April 1938 seinen Lesern. Ein seltsam gekleideter Mann mit rotem Umhang hielt ein ganzes Auto über seinen Kopf.

Superman - Der Mann aus Stahl
Superman von Joe Shuster

Auf seiner Brust prangte ein rotes “S” auf gelbem Grund. Der Stil mag sich im Laufe der Jahrzehnte geändert haben, aber der Mann aus Stahl wurde immer in den gleichen Farben gezeigt: rot, gelb und blau.

In einer stillen Nacht im Jahr 1933, irgendwo in einem Vorort von Cleveland, saß ein 18-jähriger Junge namens Jerry Siegel schlaflos in seinem Zimmer. Draußen rauschte der Wind durch die Baumwipfel, und das Dröhnen der Großen Depression hing über der Stadt wie ein bleierner Nebel. Drinnen, bei schwachem Licht, tippte Jerry fieberhaft auf seiner Schreibmaschine. Es war keine gewöhnliche Geschichte, die er da schrieb. Es war die Geburt eines Traums, und der Anfang einer Legende.

Unheimliche Puppen

Ein Mädchen spaziert an der Hand ihrer Mutter die belebte Straße entlang, während es in der anderen Hand eine zerlumpte Puppe hält, die es achtlos über den Gehweg schleift. Als dein Blick auf die Puppe fällt, schleicht sich ein eigenartiges Gefühl bei dir ein. Für einen kurzen Moment scheint die Puppe ihren Kopf zu drehen und starrt direkt in deine Richtung.


Warum kommen uns Puppen oft so unheimlich vor? Liegt es an ihren leeren, emotionslosen Augen? An der verletzlichen Nähe zu einem arglosen Kind, das sie stets begleitet?

Puppen gibt es seit vielen Jahrhunderten. Ursprünglich fertigten Stammesfrauen sie aus Gräsern in Menschenform, um ihre kleinen Mädchen zu beschäftigen. Mit der Zeit entwickelten sich diese Spielgefährten weiter, wurden immer detailgetreuer und manchmal erschreckend lebensecht. Auch Jungen haben eine Vorliebe für Puppen, die sie natürlich Actionfiguren nennen. Doch hin und wieder scheinen diese Spielzeuge eine düstere Rolle im Leben eines Kindes zu spielen.

Jane und Missy
Jane und Missy

Im späten 19. Jahrhundert erhielt ein junges Mädchen namens Jane Bielawski eine Puppe als Geschenk. Für Jane, ein armes Kind, das in einem Mietshaus in New York lebte, wurde die Puppe schnell zu seinem ständigen Begleiter, den sie "Missy" nannte. Doch was als unschuldige Freundschaft begann, nahm bald eine finstere Wendung. Mehrere von Janes Spielkameraden fielen grausamen Morden zum Opfer.

Grant Morrison: Popkultur als Philosophie

Grant Morrison ©  Luigi Novi

Ähnlich wie bei Alan Moore ist auch bei Grant Morrison die Verbindung zwischen Biografie und Werk eng miteinander verflochten. Geboren 1960 in Glasgow und aufgewachsen in der Donnelly Street in Bishopbriggs, einer schottischen Vorstadt geprägt von Arbeiterkultur, wurde Morrisons Fantasie von Beginn an durch ein doppeltes Bewusstsein geformt. Einerseits durch die alltägliche Realität der Industriestäadt, andererseits durch die schillernden, kosmischen Welten amerikanischer Superhelden-Comics, die er geradezu verschlang. Dieser innere Gegensatz bildet konsequenterweise das Fundament seiner kreativen Weltsicht.

Die britische Comicszene der frühen 1980er-Jahre, in der Morrison seine Fähigkeiten entwickelte, war von einer unvergleichlich pulsierenden Energie erfüllt. Mit dem Magazin 2000 AD als Inspirationsquelle und Alan Moore als dominierender kreativer Figur sah sich eine ganze Generation britischer Talente vor die Herausforderung gestellt, den Weg zu finden, den man nach dem Dekonstruktivismus einschlagen konnte. Während Moore die Superhelden-Mythologie radikal zerlegte, wie er es etwa in Watchmen oder The Killing Joke zeigte, nahm Morrison eine vollkommen entgegengesetzte Haltung ein. Er setzte auf eine Art feierliche Neubewertung des Altbekannten.

Alan Moore: Der Magier aus Northampton



Alan Moore sieht nicht nur aus wie ein biblischer Prophet, er hat auch den dazugehörigen Zorn im Gepäck. Doch auch wenn sich in seinen Äußerungen immer wieder Spuren von Empörung finden, wird die Zuschreibung eines wütenden alten Mannes seiner Komplexität kaum gerecht. Geboren am 18. November 1953 in Northampton als Sohn einer Druckerin und eines Brauereiarbeiters, trägt Moore die Eigenheiten seiner Heimatstadt wie die meisten Engländer tief in seiner Vorstellungskraft mit sich. Northampton als unspektakuläre englische Stadt mittlerer Größe wartet dennoch mit einer Geschichte auf, die wie Lava unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche schwelt. Moore hat sie zum zentralen Bezugspunkt seiner kreativen Mythologie erhoben. Nur wenige einflussreiche Autoren haben ihre Herkunftsorte derart stark in ihrer Arbeit verankert wie er. Die viktorianischen Straßenpflaster aus From Hell oder die elisabethanischen Geisterstimmen in seinem Roman Voice of the Fire zeugen von dieser Bindung. Für Moore ist Northampton das, was Dublin für James Joyce war: eine Landkarte der Gesamtheit seiner Realität. 

Alan Moore
Alan Moore Kredit: Kazam Media/REX Shutterstock

Diese tief empfundene Verankerung hat jedoch nichts mit romantischer Nostalgie zu tun. Sie speist sich aus einer politischen wie ästhetischen Haltung. Moore hat sich zeitlebens der Anziehungskraft Londons als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum seines Metiers widersetzen können und lehnt die Vereinigten Staaten als geistige Heimat ab, trotz seines unbestrittenen Einflusses auf die amerikanische Comic-Kultur. Er blieb in Northampton, ließ sich einen buschigen Bart wachsen, und prägte und veränderte nachhaltig ein ganzes Medium.