Supergirl ist keine Kopie. Sie besitzt die ältere Kosmologie – und wurde trotzdem jahrzehntelang wie eine Fußnote behandelt. Es ist die Geschichte einer Figur, die immer wieder getötet, vergessen und neu erfunden wurde, bis man verstand, was man an ihr hatte.
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| Woman of tomorrow, DC |
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Action Comics #252 |
Es wäre übertrieben zu behaupten, diese Herkunftsmythologie sei von ihren Schöpfern bewusst als feministische Metapher konzipiert worden. Otto Binder (Autor) und Al Plastino (Zeichner) dachten bei der Schaffung von Supermans weiblichem Gegenstück wahrscheinlich vor allem daran, das Supermann-Universum auszubauen und eine neue Leserschaft anzusprechen. Doch wie so oft in der Comicgeschichte enthält das Material mehr, als seine Schöpfer beabsichtigten. Die kryptonische Ironie – da ist sie, die Ältere, und muss trotzdem von vorne anfangen – ist zu präzise, um nur Zufall zu sein.
Otto Binder: der unterschätzte Architekt
Otto Binder ist einer der wichtigsten und zugleich am wenigsten gefeierten Comicautoren des Goldenen Zeitalters. Er schrieb nicht nur Supergirl, sondern auch Mary Marvel, die ebenfalls ein weibliches Pendant zu einem männlichen Superhelden ist, und prägte das Shazam-Universum maßgeblich. Sein Stil war zugänglicher und emotionaler als der seiner Zeitgenossen, was erklärt, warum seine Figuren oft stärker mit Leserinnen resonieren. Tragischerweise verlor Binder 1967 seine Tochter Mary bei einem Autounfall. Sie war der Namensgeber für Mary Marvel gewesen
Supergirl erschien in einer Zeit, in der DC Comics eine Art Versuchslaboratorium für weibliche Varianten männlicher Charaktere war: Batwoman, Batgirl, Wonder Girl, Superwoman. Die meisten dieser Figuren waren nur von kurzer Dauer oder blieben Nebencharaktere. Kara Zor-El hingegen erhielt etwas, das die anderen nicht hatten: eine regelmäßige Rubrik in den Action Comics, echte Schurken und eine echte Entwicklung. Und vor allem eine andere emotionale Grundkonstellation als ihr Cousin.
Das Besondere an Kara: Trauma als Ausgangspunkt
Superman verlor Krypton als Säugling. Er hat keine Erinnerungen.
Karas Trauer ist konkret, persönlich, scharf – sie erinnert sich an
Gesichter.
Die frühen Comics von 1959 bis in die 1960er Jahre spielten dieses Potenzial allerdings kaum aus. Kara lebte als geheimes Adoptivkind bei den Danvers, was als Plot-Device taugt, aber wenig Raum für eine tiefere Charakterentwicklung lässt. Ihre Abenteuer erinnerten eher an Archie Comics als an eine griechische Tragödie. Schulprobleme, Romanzen, alltägliche Misslichkeiten, dazwischen ein Superheldinnen-Einsatz. Das war der Ton der Zeit und Binder bediente ihn gewissenhaft. Trotzdem las man in diesen frühen Heften gelegentlich etwas, das mehr war: eine Einsamkeit, die Superman nie hatte.
1985: Der Tod, der alles veränderte
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George Pérez and Dick Giordano |
Die Pietà-SzeneGeorge Pérez‘ Zeichnung in Crisis on Innite Earths #7 (1985) – Superman, der Supergirl sterbend im Arm hält – wurde zu einem der meistzitierten Bilder der amerikanischen Comicgeschichte. Wolfman und Pérez wollten damit zeigen, dass niemand sicher ist. Sie hatten Recht: Das Bild wurde so prägend, dass DC es 2004 für den Neustart der Figur explizit referenzierte, und zwar als Umkehrung.
Es folgten Jahre des Experimentierens, die nur als institutionelle Nervosität beschrieben werden können. Es erschien eine neue Supergirl, die keine Kryptonerin war: eine Protoplasma-Entität namens Matrix, die von John Byrne erschaffen wurde und sich in menschliche Gestalt verwandeln konnte. Dann gab es eine Fusion aus Matrix und einer Frau namens Linda Danvers in Peter Davids brillanter, aber kommerziell unterschätzter Serie der 1990er Jahre. Danach kam eine kryptonische Supergirl namens Cir-El, die eigentlich Supermans Tochter aus der Zukunft war. Es ist schwer, die Logik hinter diesen Entscheidungen zu rekonstruieren, ohne zu dem Schluss zu kommen, dass DC-Comics schlicht nicht wusste, was es mit der Figur anfangen sollte.
Die Rückkehr und das Problem des Neuanfangs
Die New-52-Kara war wütend auf die Erde, ohne die Notwendigkeit zu sehen, sich anzupassen. Das war endlich eine Supergirl mit echter Reibung.
Nachtrag des Autors: Was mich beim Schreiben am meisten beschäftigt hat: Der letzte Satz ist, glaube ich, der Kern der ganzen Figur. Superman ist von Natur aus ein Ideal, er wurde nicht traumatisiert, er kennt keinen anderen Zustand als Stärke. Karas Güte ist dagegen immer eine aktive Wahl angesichts eines echten Verlustes. Das ist dramatisch interessanter, und es ist schade, dass DC diese Spannung über Jahrzehnte lieber wegrevidiert hat, als sie auszuschöpfen.




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