Supergirl ist weit mehr als nur eine weibliche Kopie von Superman. Schon alleine die Tatsache, dass sie eigentlich älter ist als ihr ikonischer Cousin, bringt eine interessante Wendung mit sich. Und dennoch wurde sie über Jahre hinweg auf die Rolle einer Randfigur reduziert. Es ist die Chronik einer Heldin, die immer wieder sterben musste – zumindest metaphorisch –, um dann vergessen und erneut ins Leben gerufen zu werden, bis man endlich erkannte, welche Strahlkraft sie wirklich besitzt.
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| Action Comics #252, © DC Comics |
Es wäre jedoch vermessen zu behaupten, dass die Entwickler von Supergirl ihre Hintergrundgeschichte bewusst als eine Art feministische Allegorie entworfen haben. Der Autor Otto Binder und der Zeichner Al Plastino hatten vermutlich primär das Ziel, Supermans Universum zu erweitern und durch das Hinzufügen einer weiblichen Figur neuen Lesern die Tür zu öffnen. Doch wie so oft in der Welt der Comics steckt hinter dieser Geschichte weitaus mehr, als ihre Schöpfer vielleicht jemals geahnt hatten. Supergirl ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie eine Figur im Laufe der Zeit trotz aller Herausforderungen und Veränderungen ihre eigene Identität und Stärke entfaltet hat. Das macht sie zu mehr als nur "Supermans Cousine." Sie ist eine Heldin mit einer Geschichte, die es verdient, erzählt zu werden, in all ihren spannenden Facetten.
Otto Binder: Ein visionärer, aber unterschätzter Pionier
Otto Binder gehört zweifellos zu den prägendsten, aber auch übersehenen Comicautoren des sogenannten Goldenen Zeitalters. Er war nicht nur der kreative Kopf hinter Supergirl, sondern schuf auch Mary Marvel, eine weitere weibliche Entsprechung zu einem männlichen Superhelden, und hatte entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Shazam-Universums. Sein erzählerischer Stil zeichnete sich durch eine besondere Zugänglichkeit und emotionale Tiefe aus, die es seinen Figuren ermöglichte, eine besonders starke Verbindung zu Leserinnen aufzubauen. Tragischerweise ereilte ihn 1967 ein schwerer Schicksalsschlag: Seine Tochter Mary, die als Namensgeberin für Mary Marvel gedient hatte, kam bei einem Autounfall ums Leben.
Supergirl wurde in einer Phase ins Leben gerufen, in der DC Comics vermehrt mit weiblichen Gegenstücken ihrer etablierten männlichen Charaktere experimentierte. Namen wie Batwoman, Batgirl, Wonder Girl und Superwoman spiegeln diesen Trend wider. Viele dieser Figuren hatten jedoch nur kurze Auftritte oder wurden ins Schattenreich der Nebencharaktere verbannt. Ganz anders erging es Kara Zor-El. Sie erhielt eine regelmäßige Rubrik in den Action Comics, entwickelte authentische Gegner und durfte eine eigene Charakterentwicklung durchlaufen. Zugleich wies ihre emotionale Geschichte eine ganz andere Dynamik auf als die ihres berühmten Cousins Superman.
Natürlich wäre es weit hergeholt zu behaupten, dass die Erschaffung von Supergirls Hintergrundgeschichte durch ihre Schöpfer als bewusste feministische Metapher geplant war. Viel wahrscheinlicher ist, dass Otto Binder als Autor und Al Plastino als Zeichner vor allem darauf abzielten, das Universum von Superman auszudehnen und ein neues Publikum zu gewinnen. Dennoch lässt sich gerade bei Comics häufig mehr zwischen den Zeilen herauslesen, als es die ursprüngliche Intention der Schöpfer vermuten lässt.
Das Besondere an Kara liegt in ihrem tief verwurzelten Trauma, das sie von Superman unterscheidet.
Während Superman seinen Heimatplaneten Krypton im Säuglingsalter verlor und keine bewussten Erinnerungen daran hat, ist seine Trauer eher abstrakt – wie eine melancholische Leere ohne konkrete Gesichter oder Details. Kara hingegen war älter, ein Teenager, als Krypton zerstört wurde. Sie trägt lebendige Erinnerungen in sich: an ihre Eltern, Freunde, Schule, Straßen und sogar an die Gerüche ihrer Heimat. Sie hat nicht einfach einen Planeten verloren, sondern ihre gesamte Welt – mit all den Beziehungen und Momenten, die sie definierten. Ihr Schmerz ist zutiefst persönlich und unmittelbar.
Genau hierin liegt der fundamentale Unterschied zwischen Supergirl und Superman. Superman ringt mit der Frage nach seiner Identität und seinem Platz in der Welt. Für Supergirl stellt sich eine existenziellere Frage: Kann sie überhaupt wieder irgendwo dazugehören, wenn alles, was ihr vertraut war, unwiederbringlich verloren ist? Ihre innere Reise basiert auf einer wesentlich anderen philosophischen Grundlage.
In den frühen Comics der Jahre 1959 bis 1960 wurde das emotionale Potenzial dieser Geschichte kaum ausgeschöpft. Kara führte als Adoptivkind bei den Danvers ein normales Leben, eine gute Ausgangsidee für die Erzählung, die jedoch wenig Raum für eine tiefere Charakterentwicklung ließ. Statt das Gewicht ihres Verlustes zu thematisieren, orientierten sich ihre Geschichten oft an einem leichteren Tonfall, der an die unbeschwerten Archie Comics erinnerte: Schulprobleme, Romanzen und kleinere alltägliche Missgeschicke wurden nur gelegentlich durch ihre Superheldinnen-Einsätze unterbrochen. Dennoch fand man in diesen frühen Ausgaben manchmal Anzeichen einer Einsamkeit, die in ihrer Schwere und Intensität etwas spürbar Anderes darstellte – eine Einsamkeit, wie sie Superman nie in diesem Maß erfahren hat.
1985: Der Tod, der alles veränderte
Im Jahr 1985 wagte DC Comics einen Schritt, der die Comicwelt erschütterte. Während des bahnbrechenden Crossovers Crisis on Infinite Earths, das unter der Federführung von Marv Wolfman geschrieben und von George Pérez illustriert wurde, ließen sie Supergirl sterben. Ihr Ableben stand im Mittelpunkt einer der emotionalsten und denkwürdigsten Szenen der Comicgeschichte des Jahrzehnts. Kara opferte sich, um Superman zu retten. Getroffen vom Anti-Monitor, starb sie in den Armen ihres Cousins. Bradford Wright, ein renommierter Kunsthistoriker, bezeichnete diese Szene als eine der wenigen wahrhaft emotionalen "Pietàs" der amerikanischen Comic-Kultur.
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| Crisis in Infinite Earths: Der Tod von Supergirl © DC Comics |
Der Grund für diese Entscheidung war von den Verantwortlichen bei DC pragmatisch und strategisch. Superman sollte als einzigartiger Überlebender von Krypton etabliert werden, frei von anderen kryptonischen Figuren. Die zugrunde liegende Botschaft war jedoch weniger schmeichelhaft. Supergirl galt für das Management zu dieser Zeit als entbehrlich – ein weibliches Pendant, dessen Zeit gekommen war, um den Weg für neue Konzepte zu ebnen.
Die ikonische Pietà-Szene
Das eindrucksvolle Artwork von George Pérez in Crisis on Infinite Earths #7 (1985) zeigt Superman, wie er die sterbende Supergirl in seinen Armen hält. Dieses Bild avancierte zu einem der meistzitierten und kraftvollsten Momentaufnahmen der amerikanischen Comicgeschichte. Wolfman und Pérez vermittelten damit deutlich: Niemand im DC-Universum ist unantastbar. Der Einfluss dieser Szene war so tiefgreifend, dass sie 2004 für den Neustart der Figur umgekehrt aufgegriffen wurde.
Die Jahre nach Karas Tod waren von Unsicherheit und Experimentierfreude geprägt; ein Widerschein der institutionellen Orientierungslosigkeit. DC brachte eine neue Version von Supergirl hervor, die keine Kryptonierin war: eine Protoplasma-Entität namens Matrix, erschaffen von John Byrne. Sie konnte menschliche Gestalt annehmen und war ein drastischer Bruch zu Karas ursprünglichem Charakter. Später wurde sie in Peter Davids hochgelobter, aber kommerziell wenig erfolgreicher Serie der 1990er Jahre mit einer Frau namens Linda Danvers verschmolzen. Doch auch diese Ära endete nicht mit Klarheit. Eine dritte Supergirl-Variante tauchte auf – die kryptonische Cir-El, die sich als Supermans Tochter aus der Zukunft entpuppte. Betrachtet man diese inkonsistente Herangehensweise, drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass DC keine klare Vision für die Figur hatte.
Die Rückkehr von Supergirl und die Herausforderung ihres Neustarts
Als Kara Zor-El im Jahr 2004 ihren großen Auftritt in einem Crossover von Jeph Loeb und dem gefeierten Künstler Michael Turner hatte, reagierte die Fangemeinde gespalten. Einerseits war die Begeisterung groß: Endlich war "die echte" Kara zurück. Andererseits gab es deutliche Kritik: Warum wurde sie so merkwürdig dargestellt?
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| © DC Comics |
Nach dieser Rückkehr folgte ein wechselhaftes Kapitel in Karas Geschichte. Ihre erste eigene Serie der modernen Ära, zunächst unter der Feder von Joe Kelly und später von Greg Rucka, versuchte vorsichtig, der Figur eine neue Tiefe zu verleihen. Doch erst mit der „New-52“-Version aus dem Jahr 2011, geschrieben von Michael Green und Mike Johnson, erlebte Kara eine grundlegende Neudefinition. Dieses Supergirl war anders: wütend, verloren und fremd auf der Erde. Ihre Weigerung, sich an ihre neue Umgebung anzupassen, machte sie komplexer und faszinierender. Endlich war dies ein Charakter mit Ecken und Kanten – ein Supergirl, das nicht einfach nur süß lächelte, sondern echten inneren Konflikt bot.
Die „New-52“-Kara brachte frischen Wind. Ihre Wut auf die Welt hatte endlich einen nachvollziehbaren Grund und gab der Figur die nötige Tiefe, um mehr als nur eine hübsche Nebenfigur zu sein. Ein Supergirl mit Ecken und Reibung – genau das, was viele Leser*innen schon lange vermisst hatten.



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