Der Struwwelpeter: Die schwarze Pädagogik

Im 19. Jahrhundert schrieb ein deutscher Psychiater und Schriftsteller ein Kinderbuch, das, würde es heute veröffentlicht, einen unerhörten Skandal hervorrufen würde.

Man schrieb das Jahr 1845, der Autor war Heinrich Hoffmann, und das Buch hieß Der Struwwelpeter. Es ist das verrückteste Buch, das je in Deutschland erschienen ist, in dem jede darin enthaltene Moralgeschichte darauf abzielt, kleine Kinder zu gutem Benehmen zu erziehen.

Heinrich Hoffmann
Heinrich Hoffmann

Während die meisten Eltern das Buch heute als verstörend empfinden würden, liebten die Eltern von 1845 das Buch und fanden es unglaublich lustig. Der Struwwelpeter enthält zehn sehr kurze, aber schonungslose Geschichten. Im Gegensatz zu anderen Gutenachtgeschichten werden hier kleine Kinder für bizarre Fehler und schlechtes Benehmen hart bestraft.

Locecraft und der Cthulhu-Mythos

 "Ich hege keine trügerischen Hoffnungen gegenüber dem heiklen Zustand meiner Erzählungen, und ich erwarte nicht, ein ernsthafter Konkurrent der von mir bevorzugten Autoren unheimlicher Literatur zu sein", schrieb Lovecraft 1933 in seinem autobiographischen Essay "Some Notes on a Nonentity". Er fügte hinzu: "Das einzige, das ich zugunsten meiner Arbeit ins Feld führen kann, ist ihre Aufrichtigkeit."

Mit dem Begriff Weird Fiction verhält es sich ähnlich wie mit dem der amerikanischen Short Story. Beide lassen sich nicht verlustfrei ins Deutsche übersetzen, denn weder ist die Weird Tale identisch mit unserem Verständnis einer unheimlichen Erzählung, noch ist die Short Story einfach eine Kurzgeschichte. Das führt zu Komplikationen im Übersetzungswirrwarr. Noch verwirrender wird es, wenn man die Weird Tale einfach mit einer Horrorgeschichte gleichsetzt. Lovecraft zum Beispiel benutzte das unheimliche Element, um sein eigenes Werk zu beschreiben, wurde aber präziser, wenn er es als „Literatur des kosmischen Grauens" oder Literatur der Angst bezeichnete. Diese Aussagen deuten darauf hin, dass Lovecraft sich selbst im Horrorgenre verortete.

Lovecraft Cthulhu

Dennoch sind viele seiner Konzepte und Metaphern der Science Fiction zuzuordnen. In dieser Kombination ist es nicht verwunderlich, dass Lovecraft als Schöpfer des kosmischen Horrors bezeichnet wird, was nicht ganz den Tatsachen entspricht. Elemente des kosmischen Horrors tauchen bereits in der Gothic Novel des frühen 19. Jahrhunderts auf. Namentlich in Bulwer-Lyttons „Zanoni" - und dann in den 1890er Jahren bei Arthur Machen und Robert Chambers, wenn auch mit ganz anderen existenztheoretischen Ansätzen als bei Lovecraft. In seinem Essay „Supernatural Horror in Literature" schreibt er, dass er gerade diese Autoren bewundere und in ihrer Tradition schreibe.

Zatanna - Die Tochter des Magiers

Eine Tochter sucht ihren Vater und findet sich selbst

Hawkman #4
© DC Comics
Zatanna ist eine kleine Sensation und ein Paradebeispiel für kreatives Geschichtenerzählen im Superhelden-Genre. Ihr Debüt in Hawkman #4 im Juli 1964 markierte einen Wendepunkt in der Welt der DC-Comics, und das nicht ohne Grund. Der talentierte Autor Gardner Fox hatte einen ganz besonderen Kniff parat, der die Leserschaft begeisterte. Statt lediglich in einer einzigen Ausgabe zu glänzen, begann Zatanna ihre Reise mit einer mehrteiligen, spannenden Suche, die sich quer durch das gesamte DC-Universum erstreckte. Diese einzigartige Erzählstruktur, die über mehrere Serien und Ausgaben hinweg konsequent verfolgt wurde, war zur damaligen Zeit eine revolutionäre Idee. Obwohl Crossover schon zuvor existierten, war die Vorstellung, dass eine Figur gezielt in anderen Comic-Heften auftaucht, um dort aktiv jemanden zu suchen, eine narrative Neuerung, die gleichzeitig großen Einfluss auf die Branche hatte.

Doch wen suchte Zatanna eigentlich? Sie wollte ihren verschollenen Vater Giovanni Zatara finden. Zatara selbst war kein Unbekannter im DC-Universum. Als legendärer Bühnenmagier und echter Zauberer erschienen seine Geschichten bereits seit den späten Dreißigerjahren in den Comics. Doch plötzlich war er verschwunden, und Zatanna machte es sich zur Aufgabe, sein Verschwinden aufzuklären. Dafür ließ sie nichts unversucht und klopfte an die Türen verschiedenster Helden. Von Batman über Atom, Green Lantern bis hin zu Elastoman suchte sie Hilfe, um ihren Vater aufzuspüren.

Etrigan – Der reimende Dämon aus Camelot

Jack Kirbys düsterstes Vermächtnis und ein seltsamer Schatz im DC-Universum

Ein König, ein Zauberer und eine ewige Bürde

Es gibt Momente in der Geschichte der Comics, die sich rückblickend wie Naturgewalten anfühlen – künstlerische Schöpfungen, bei denen ein einzelner Autor eine neuartige und so fremdartige Idee zum Leben erweckt, dass das Medium danach nicht mehr ganz dasselbe war. Die Erschaffung von Etrigan durch Jack Kirby im Jahr 1972 ist einer dieser seltenen Augenblicke. Und doch bleibt diese Meisterleistung heute überraschend wenig gewürdigt.

© DC

Die Prämisse ist so schlicht wie gewagt: In der letzten Nacht von Camelot, als König Artus' Reich im Chaos von Feuer und Verrat unterging, verschmolz der Zauberer Merlin einen Höllendämon namens Etrigan mit einem menschlichen Ritter namens Jason Blood. Dies war eine Strafe und zugleich ein Schutz – eine ambivalente Verbindung aus Fluch und Gabe. Ob dies Merlins wahre Absicht war, bleibt absichtlich unklar. Seit jenem Moment wandelt Jason Blood als unsterblicher Zeuge des Verfalls menschlicher Zivilisation durch die Jahrhunderte, belastet mit dem Wissen um die Vergänglichkeit der Welt. Gleichzeitig birgt er die Macht, sich in ein gelbes, feuerspuckendes Höllengeschöpf zu verwandeln, das in Reimform spricht und die Mächte des Bösen mit einer Begeisterung bekämpft, die nicht weniger erschreckend wirkt als das Übel selbst.

Robert Arthur und Erfindung der drei Detektive

Robert Arthur

Robert Arthur am Radio. Foto
aus dem Archiv von Elizabeth Arthur.

Es dürfte kaum einen Hörer oder Leser geben, dem Die drei ??? kein Begriff sind. Besonders die mittlerweile etwas älteren "Kassettenkinder" bleiben den berühmten Hörspielen von Europa, die seit 1979 produziert werden, bis heute treu. Natürlich ist die Serie nicht ausschließlich hierzulande bekannt, doch es wirkt fast so, als hätte Robert Arthur sie speziell für uns geschaffen, auch wenn er das nie ahnte und es nicht mehr erfahren konnte, da er bereits 1969 verstarb. Zu diesem Zeitpunkt hatte er zehn Bücher der Serie geschrieben, während Dennis Lynds unter dem Pseudonym William Arden 14 Bände beitrug.

Robert Arthurs frühe Arbeit für Pulp-Magazine prägte seinen späteren Schreibstil erheblich. Sie beeinflusste vor allem seine Fähigkeit, packende Krimis mit hohem Tempo und lebendigen Charakteren zu erschaffen. Seine Erfahrungen aus den 1930er- und 1940er-Jahren als Pulp-Autor halfen ihm, Geschichten voller Spannung, Action und schlüssiger Wendungen zu entwickeln, die noch heute begeistern.

Wonder Woman - Prinzessin der Amazonen

Wonder Woman spiegelt die Ängste, Sehnsüchte und feministischen Hoffnungen Amerikas wider. Eine ikonische Figur, erschaffen von einem Mann, der mit zwei Frauen zusammenlebte, ausgestattet mit einem Lasso und einer tief verwurzelten Überzeugung.

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.

Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.

The Secret History of Wonder Woman von Jill Lepore (2014)

Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics, dem Vorläufer von DC. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.

Doctor Strange - Hüter der Realität

Doctor Strange von Steve Ditko

Ein Sturz in die Tiefe

Es gibt eine sehr kleine Kategorie von Comicfiguren, bei denen man sagen kann: Ohne eine bestimmte Persönlichkeit hinter dem Zeichentisch wäre die Figur buchstäblich undenkbar. Doctor Strange gehört eindeutig in diese Kategorie, und die Persönlichkeit ist Steve Ditko. Als Stan Lee und Ditko die Figur im Juli 1963 in Strange Tales #110 debütieren ließen, war das Marvel-Universum gerade dabei, sich mit einer Geschwindigkeit zu erfinden, die selbst Beteiligte später kaum fassen konnten. Innerhalb von drei Jahren hatte Jack Kirby die Fantastic Four, Thor und die New Gods mitaufgebaut, während Lee und Ditko den Spider-Man erschufen. Doctor Strange war ganz anders als die anderen. Leise, meditativ, wie ein Kammermusikstück inmitten der lauten Klänge einer Bigband-Ära.

Fanart von Sachi Ediriweera © Marvel

Die Entstehungsgeschichte von Doctor Strange ist dabei so prägend, dass sie zu einem zeitlosen Archetyp wurde. Stephen Strange, ein brillanter, doch zutiefst selbstverliebter Neurochirurg, verliert bei einem Autounfall die Feinmotorik seiner Hände. Das Werkzeug seiner Identität, seiner Überlegenheit, seines Selbstverständnisses, alles war dahin. Was folgt, ist eine düstere Reise durch Verzweiflung, Ablehnung, zerschmetterte Hoffnungen und schließlich der Aufbruch nach Kamar-Taj. Dort begegnet er dem Uralten (Ancient One), der ihn durch einen tiefgreifenden Transformationsprozess führt. Und genau darin liegt die wahre Besonderheit von Doctor Strange. Sein Superhelden-Dasein resultiert aus einer bewussten inneren Wandlung, eines Moments der Kapitulation vor der eigenen Hybris. Strange muss sein Ego aufgeben, die Illusion von Kontrolle loslassen und mit der Erkenntnis leben lernen, dass nicht alles durch rationale Brillanz beherrscht werden kann. In dieser Hinsicht ist Doctor Strange auch ein Sinnbild für eine tiefmenschliche Reise hin zum Verständnis des eigenen Ichs und der Kräfte, die unseren Kosmos prägen.

Die Bedeutung der Robins im Batman-Kosmos

Es gibt eine Frage, die Comicfans seit Jahrzehnten spaltet, und sie lautet ungefähr so: Warum braucht Batman überhaupt einen Robin? Der Dunkle Ritter, diese monolithische Figur aus Schmerz, Disziplin und Nacht, wirkt auf den ersten Blick vollständig in sich selbst ruhend. Er ist kein Teamplayer. Er braucht niemanden. Und trotzdem kehrt Robin immer wieder zurück, in verschiedenen Gesichtern, verschiedenen Kostümen, mit verschiedenen Lebensgeschichten. Hinter dieser Absicht steckt eine der klügsten erzählerischen Entscheidungen in der Geschichte des amerikanischen Comics.

Der erste Robin

Zu sehen sind Dick Graysons
unterschiedliche Erscheinungsformen
auf dem Variant-Cover von
Nightwing #118 (September 2024).
Gestaltet von Nicola Scott.

Dick Grayson trat 1940 ins Rampenlicht, nur ein Jahr nach Batmans erstem Auftritt. Er wurde von Bob Kane, Bill Finger und dem Zeichner Jerry Robinson ins Leben gerufen, wobei Robinson oft als der eigentliche kreative Kopf hinter der Figur betrachtet wird – eine Leistung, die in der Geschichte des Comics leider lange Zeit nicht ausreichend gewürdigt wurde. Ursprünglich hatte seine Einführung vor allem kommerzielle Gründe. Batman war zwar ein erfolgreicher Verkaufsschlager, doch die Redaktion von DC suchte nach einer Figur, mit der sich jüngere Leser besser identifizieren konnten. Ein Teenager, der Seite an Seite mit dem großen Helden kämpft und die Sprache spricht, die die Zielgruppe versteht, schien genau das Richtige zu sein.

Das Konzept ging auf. Nach Dicks Debüt in Detective Comics #38 stiegen die Verkaufszahlen rasant an. Dick Grayson wurde zu einem Spiegelbild von Bruce Wayne, auf eine Weise, die das emotionale Fundament der Batman-Figur grundlegend veränderte. Beide teilen das traumatische Schicksal, ihre Eltern durch Gewalt verloren zu haben, und kennen die tiefe Leere, die ein solcher Verlust hinterlässt. Doch während Bruce Wayne sein Trauma wie eine uneinnehmbare Festung hütet, geht Dick offener mit seinem Schmerz um. Seine Bereitschaft, trotz allem zu lachen, bildet einen scharfen Kontrast zu Batmans unbeugsamer Härte und wirkt gerade deshalb so eindringlich.

Poison Ivy - Die Natur als Waffe

© DC Comics

Es gibt Comicfiguren, die im Zeitgeist ihrer Entstehung verwurzelt bleiben und kaum über ihre Ära hinausgehen. Und dann gibt es Poison Ivy. Als Robert Kanigher und der Zeichner Sheldon Moldoff sie im Juni 1966 in Batman #181 einführten, hatten sie vermutlich nicht vor, eine der vielschichtigsten Charaktere in der DC-Historie zu schaffen. Ihr Ziel war weitaus pragmatischer. Sie wollten frischen Wind in das zunehmend populäre Batman-Franchise bringen, und das durch die Einführung einer neuen weiblichen Gegenspielerin. Dabei ließen sie sich Berichten zufolge von der Pin-up-Ikone Bettie Page und dem mysteriösen Charme des Stummfilm-Vamps Theda Bara inspirieren. Kanigher selbst war kein Unbekannter in der Comicszene. Er hatte Wonder Woman durch die 1950er und frühen 1960er Jahre begleitet, die Metal Men mitentwickelt und bewies immer wieder ein Talent für unvergessliche Charaktere.

Pamela Isley alias Poison Ivy betrat die Bühne mit einem Paukenschlag. Auf dem Cover prangte sie in einem knapp bemessenen Blätterkostüm, selbstbewusst verkündend, die gefährlichste Verbrecherin der Welt zu sein. Dieses Versprechen war zunächst mehr Schein als Sein – schließlich bewegte sich der Silver-Age-Comic noch in einer Phase, die von schnellen, bunten Ideen lebte, weniger von tiefergehender Charakterentwicklung. Doch schon in dieser ersten skizzenhaften Darstellung schlummerte das Potential, das Autoren erst Jahrzehnte später voll zur Entfaltung bringen sollten.

Black Hammer - Verlust und Identität

„Das Superhelden-Genre ist tot. Lang lebe das Superhelden-Genre.“

Es gibt Comicserien, die einfach gute Geschichten erzählen, und solche, die das Medium an sich hinterfragen. Black Hammer, erschienen 2016 bei Dark Horse Comics, gehört eindeutig zur zweiten, weit weniger verbreiteten Kategorie. Geschrieben von Jeff Lemire und illustriert von Dean Ormston in der Hauptphase, ist diese Reihe eine Hommage an die Superheldengeschichte – und zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit ihr.

Wer das liest und denkt: „Klingt nach dem üblichen Dekonstruktions-Brimborium“, den muss ich korrigieren. Black Hammer ist eben kein zynischer Angriff auf das Genre. Es ist eine melancholische Liebeserklärung, die das Genre auf tiefgründige Weise untersucht.

Die Prämisse

Black Hammer 1
© Splitter

Eine Gruppe von Superhelden hat Spiral City vor einem apokalyptischen Ereignis bewahrt. Doch anstatt gefeiert zu werden, werden sie nach ihrem großen Triumph in ein kleines, unscheinbares Dorf auf dem Land verbannt – ein verwirrendes Geschenk oder doch eher eine Strafe? Dort gibt es weder Feinde noch Schlachten, sondern nur Felder voller Mais, alte Scheunen und eine bedrückende Stille. Für diese außergewöhnlichen Figuren, die für große Taten geboren wurden, wird das einfache Landleben zur ultimativen Prüfung.

Das Dorfleben als unüberwindbare Tortur für Menschen, deren Existenz normalerweise durch heldenhafte Aufgaben definiert wird. Lemire nimmt den klassischen Superheldenmythos, geprägt von Missionen, Kämpfen und Siegen, und friert ihn vollständig ein. Was bleibt, wenn das Abenteuer vorbei ist? Was geschieht mit der Person hinter der Maske, wenn der Held in ihr keine Aufgabe mehr hat?

Diese Frage ist eigentlich so alt wie der Comic selbst, aber selten wurde sie so radikal in die Struktur der Handlung eingeschrieben. Es passiert hier nichts Großes. Und genau darin liegt die Spannung.

The Punisher - Der unbequeme Charakter

Marvels Punisher

Frank Castle tötet. Methodisch, kalkuliert, unermüdlich. Der Punisher gilt als eine der unbequemsten Figuren im amerikanischen Mainstream-Comic, weil er eine zentrale Frage aufwirft, die das Genre kaum ehrlich beantworten kann: Was, wenn Gewalt in bestimmten Situationen tatsächlich die einzige Lösung ist?

Seinen ersten Auftritt hatte Frank Castle im Februar 1974 in The Amazing Spider-Man #129, wo er als Antagonist eingeführt wird. Gezeigt wird er zunächst als gedungener Killer, der Spider-Man töten soll, weil er ihn fälschlicherweise für einen Mörder hält. Die Ironie dieser Konstellation ist offensichtlich: Ein Mann, der Mörder jagt und tötet, wird beauftragt, einen vermeintlichen Täter auszuschalten, der unschuldig ist. Gerry Conway, damals 21 Jahre alt und Chefautor des Spider-Man-Comics seit anderthalb Jahren, verfolgte dabei keine tiefgründige philosophische Absicht. Er wollte lediglich einen spannenden Gegenpart schaffen. Doch was dabei entstand, war eine der komplexesten und widersprüchlichsten Figuren der Comicwelt. Zu seiner Überraschung entwickelte sich der Charakter ein Jahrzehnt später zu einem der beliebtesten des Genres.

Punisher
© Marvel

Die tragische Hintergrundgeschichte des Punishers ist so unverblümt wie eine rohe Metallkante, rau und erbarmungslos. Frank Castle, ein Vietnam-Veteran, unternimmt mit seiner Frau und seinen Kindern einen scheinbar harmlosen Picknickausflug in den Central Park. Sie werden zufällig Augenzeugen einer Mafia-Hinrichtung. Um keine Spuren zu hinterlassen, tötet die Mafia Castles Familie; Frank selbst überlebt schwer verletzt. Von diesem Moment an kennt sein Leben nur noch ein Ziel. Er will jene Männer zur Rechenschaft ziehen, die ihm alles genommen haben.

Hellboy - Ein echtes Höllenkind

Hellboy
Hellboy

Wenn man Mike Mignolas Hellboy nur aus den Spielfilmen kennt, kennt man nur einen Aspekt der Figur, die hier mit einem anderen Auge gesehen wird. Während der erste Film von  2004 noch Teile aus Saat der Zerstörung, Der Teufel erwacht und verschiedenen anderen Passagen der Storylines der Comics enthielt, ist die Fortsetzung Hellboy II: Die goldene Armee aus dem Jahr 2008 fast völlig unabhängig davon.

Der Anfang von Hellboy war nur ein Witz

Hellboy Erstentwurf
Hellboy, Erstentwurf

Erschaffen hat die Figur der Autor und Künstler Mike Mignola. Sie erschien zum ersten Mal in der Ausgabe 2 der San Diego Comic-Con Comics (August 1993), veröffentlicht von Dark Horse Comics.

Tatsächlich aber hatte die erste Skizze, die für die Great Salt Lake Comic Con 1991 vorgestellt wurde, kaum etwas mit der heute berühmten Figur zu tun. Sie zeigt einen behaarten, fast höhlenmenschenartigen Dämon mit vier Hörnern, Flügeln und einer Krabbe und einem Fisch an seinen Gürtel. Auf dem Gürtel stehen die Worte "Hell Boy". Mignola hielt nicht viel von dieser Skizze und tatsächlich war der Name für ihn nur ein Witz. In einem Interview sagte Mignola:

"Ich hatte nie wirklich ernsthaft darüber nachgedacht, meinen eigenen Comic zu machen und schon gar nicht, ihn zu schreiben. Ich hatte diese Zeichnung für eine Convention gemacht und "Hellboy" als letztes drauf geschrieben, weil da noch Platz an seinem Gürtel war. Ich fand es lustig, wollte damit aber nicht wirklich etwas bezwecken."

Mignola wusste nicht, dass dieser Witz zu einer der berühmtesten Comicserien führen würde.

Holmes: Abschied von der Baker Street

Eigentlich ist dem Kanon von Sherlock Holmes nichts mehr hinzuzufügen, vor allem auch, weil durch unzählige Filme und grauenhafte Weiterschreibungen mittlerweile ein recht dreckiges und unansehnliches Wasser entstanden ist. Es gab nach Arthur Conan Doyle nur wenige autorisierte Autoren, die sich diesem Kanon mit allem gebührenden Respekt näherten. Von allem anderen sollte man tunlichst die Finger lassen, wenn man sich wirklich für den Mythos interessiert.

Jetzt könnte man natürlich reflexartig auch das Werk von Luc Brunschwig, das von Cécil gezeichnet wurde als apokryphen Nonsense verwerfen, aber das wäre dann doch ein wenig verfrüht. Die Prämisse, die hier geboten wird, ist nämlich eine, die durchaus auch schon von den Sherlockians diskutiert wurde: Wie weit ging Sherlocks Kokainsucht? Was könnte daraus resultieren?

Holmes: Abschied von der Baker Street
Die gewohnte Idylle: Mrs Hudson serviert Tee, Watson liest die Times und Sherlock sinniert mit
seiner Pfeife am Fenster. (c) Jacoby & Stuart; Zeichnung: Cécil

Rocky Beach oder das Altern der Popmythen

Rocky Beach
© Kosmos

Es gibt Figuren der Popkultur, die nicht altern dürfen. Sie leben in einer Art erzählerischer Gegenwart, die sich über Jahrzehnte hinweg stabil hält. Genau darin liegt ihr Geheimnis. Während Generationen von Lesern älter werden, bleiben diese Figuren unverändert: Sherlock Holmes bleibt immer der Detektiv der Baker Street, Tarzan der Herr des Dschungels – und Justus, Peter und Bob bleiben die drei Jungen aus Rocky Beach. Ein Erinnerungsraum, in dem auch unsere eigenen Abenteuer gespeichert sind, denn irgendwo da draußen gibt es uns noch in einem kindlichen Alter – und wenn „die Mumie flüstert“ halten wir dort den Atem an als sei das das erste Mal.

Die Graphic Novel Rocky Beach von Christopher Tauber und Hanna Wenzel setzt genau an diesem paradoxen Punkt an. Sie erzählt nicht einfach eine weitere Episode aus der Welt der Drei ???, sondern stellt eine stillere Frage: Was geschieht mit einer fiktiven Welt, wenn ihre Leser älter werden?

Die Zeitlosigkeit der Serie

Serielle Popliteratur folgt einer besonderen Logik. Ihre Figuren sind an eine Form der erzählerischen Zeitlosigkeit gebunden. Jede Geschichte beginnt in einer vertrauten Ausgangssituation und endet so, dass diese Situation wiederhergestellt wird. Dadurch entsteht ein Universum ohne echte historische Entwicklung.

Swamp Thing - Der Champion des Grün

Swamp Thing von John Totleben

Das Swamp Thing ist eine Comicfigur, die von Len Wein und dem Künstler Bernie Wrightson erfunden wurde. The Swamp Thing erschien erstmals in House of Secrets #92 (Juni-Juli 1971), und war ursprünglich als einzelne Horrorgeschichte gedacht. Zu diesem Zeitpunkt war die Figur bereits mehrfach überarbeitet worden, bis sie sich für einen eigenen Auftritt eignete. Swamp Thing #1 erblickte im November 1972 das Licht der Welt. Die größte und endgültige Veränderung fand jedoch statt, als Alan Moore die Serie von 1983 bis 1987 übernahm. Für Moore war es das erste amerikanische Projekt und das erste f ür DC.

Für viele ist Swamp Thing aus dieser Zeit neben The Dark Knight Returns und Watchmen eines der besten und kreativsten Werke der Comic-Geschichte. Alan Moores Run übertraf alle Erwartungen und hat sich bis heute einen festen Platz unter den Klassikern verdient.

Das Ende des Comics-Code

Als unbekannter Autor erhielt Moore ein Thema, das bereits ein Auslaufmodell war und eingestellt werden sollte. Niemand interessierte sich mehr dafür, also schaute auch niemand genauer hin. Moore nutzte die Gelegenheit und brachte neben einer moralischen Grauzone auch Mystik und Sexualität in die Serie ein. Damit war die Serie eine der ersten, die den Comic-Code aufgab und den Weg für die dunkleren, kantigeren Comics der 80er und 90er Jahre ebnete. Swamp Thing bewies eindrucksvoll, dass auch literarisch anspruchsvolle Comics nicht zwangsläufig zu Umsatzeinbußen führen müssen.

Alfred E. Neumann - Das geheimnisvolle Mondgesicht

Alfred E. Neumann ist eine der geheimnisvollsten Figuren der gesamten Popkultur. Über seine genau Herkunft ist wenig bekannt, allerdings tauchte er im Laufe der Geschichte schon lange an den ungewöhnlichsten Orten auf, bevor er zum Maskottchen der Satirezeitschrift MAD wurde.

Die berühmte Postkarte, die Norman Mingo als Vorlage
zu seiner Version von Alfred E. Neumanns hernahm

Der Mitbegründer des MAD-Magazins Harvey Kurtzman behauptete, das erste Mal ein Abbild von Alfred auf einer Postkarte entdeckt zu haben, die in den 50er Jahren an das schwarze Brett im Büro eines Redakteurs von Ballantine Books geheftet war.

Micky Maus - Die Ikone der Popkultur

Micky Maus
Micky Maus

Walt Disney in Paris
Micky Maus gehört sicherlich zu den bekanntesten popkulturellen Persönlichkeiten der Geschichte. Seit seiner Einführung im Jahre 1928 ist Disneys legendäres Wahrzeichen in ausschließlich allen Medien und Variationen zu haben. Künstler von Saul Steinberg bis Andy Warhol haben ihn gefeiert und kritisiert. Für manche ist die Micky Maus sogar der Comic-Charakter schlechthin. Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten der Stern etwas zu verblassen scheint, wäre es noch untertrieben, hier einfach nur von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen.

Vielmehr ist Micky Maus ein Symbol, das über sich hinausragt, der Grundstein für eine einzigartige amerikanische Kunst, die Innovationen in Film, Musik und Malerei vereint (und sogar geschaffen) hat. Micky ist von einer Cartoon-Figur zu einer beeindruckenden Kulturmaschine geworden, die sich auch heute noch mit nichts vergleichen lässt. Diego Rivera bezeichnete Micky als echten Helden der amerikanischen Kunst und Walter Benjamin schrieb, dass sich die Öffentlichkeit bei Micky in seinen Handlungen wiedererkennt.

Tales from the Crypt

Wenn das Grauen spricht

In den knisternden Schatten der amerikanischen Nachkriegszeit, als Fernsehgeräte wie neue Hausaltäre in den Wohnzimmern flimmerten und das Comicregal noch der subversivste Ort eines Kiosks war, erhob sich eine Stimme aus der Gruft. Tales from the Crypt – dieser Name allein ließ Kinderherzen schneller schlagen, Eltern besorgt die Stirn runzeln und Politiker nach dem Zensurstempel greifen. Die Geschichten aus der Gruft waren nicht einfach nur Horrorcomics. Sie waren ein Tor in eine düstere Parallelwelt, in der Moral und das Makabere ein tückisches Tänzchen aufführten.

EC Comics
© EC Comics

Entstanden Anfang der 1950er Jahre bei EC Comics unter der Federführung von William Gaines, war Tales from the Crypt wesentlich mehr als ein simpler Titel. Es war ein Flaggschiff in einer Welle von sogenannten "Horror-Anthologie-Comics", die dem amerikanischen Traum den Sargdeckel zeigten. Die Geschichten – makaber, blutig, oft mit einer ironischen Pointe – wurden von Erzählern wie dem Crypt-Keeper, dem Vault-Keeper und der Old Witch präsentiert, Figuren, die gleichzeitig Gaukler, Richter und Galgenvögel waren.

Es war eine Zeit, in der Comics noch wild und ungezähmt waren. Wo Zeichner wie Jack Davis, Graham Ingels oder Al Feldstein mit spitzem Stift den Albträumen der Leser eine Form gaben. Ihre Panels trieften förmlich vor Atmosphäre – neblige Friedhöfe, schiefe Herrenhäuser, aufgerissene Gräber. Kein Detail war zu morbide, kein Ende zu grausam. Die Erzählungen waren kleine moralische Opern, in denen Ehebrecher, Gierhälse und Betrüger ihr verdientes Ende fanden – meist mit einem schaurigen Grinsen serviert.

Doch je größer die Fangemeinde, desto lauter wurden auch die Stimmen der Gegner. Der Psychiater Fredric Wertham beschuldigte Comics in seinem berüchtigten Buch Seduction of the Innocent (1954), für Jugendkriminalität verantwortlich zu sein. Tales from the Crypt war dabei das Lieblingsfeindbild. Die Bilder seien zu brutal, die Inhalte verderblich. Die öffentliche Empörung mündete in Anhörungen vor dem Senat und schließlich in der Einführung des Comics Code – ein Zensurkodex, der ECs Horrormärchen faktisch das Genick brach. Gaines’ Verlag überlebte nur, weil er auf das harmlose Mad Magazine umsattelte.

Wo liegt Entenhausen?

Es kommt für jeden einmal die Stunde, da er sich die Frage stellt, wo Entenhausen denn eigentlich liegt. Das mag heute weniger zutreffen als früher, als man quasi mit der Micky Maus als Magazin heranwuchs, während man  sich – langsam von der Brust entwöhnt – den ersten Brei einverleiben ließ.

Wo liegt Entenhausen?
Emil Erpel, Gründer von Entenhausen

Nun ist die Frage nach dem Wo naturgemäß nicht so leicht zu beantworten, was man allein daran erkennen kann, dass es darüber unterschiedliche Meinungen gibt. Über eine Stadt wie München muss man nicht diskutieren, sie verändert ihren Standort nicht.

Verändert denn Entenhausen seinen Standort?

Wo liegt Entenhausen?
Eine italienische Postkarte von 1963, die durchaus etwas von Entenhausen an sich hat

Absolute Batman

 „Was bleibt vom Ritter, wenn man ihm das Schloss wegnimmt?“


Absolute Batman
© DC
Es gibt eine Frage, die jeden Batman-Autor irgendwann einholt, ob er will oder nicht: Ist Bruce Wayne überhaupt interessant, wenn man ihm seine Milliarden wegnimmt? Die meisten weichen dieser Frage aus. Scott Snyder hat sie im Oktober 2024 frontal beantwortet, und die Antwort hat den Comicmarkt erschüttert wie seit Jahren nichts mehr, das aus den beiden großen Häusern DC und Marvel kam.

Absolute Batman ist (wie alles im gegenwärtig laufenden Absolute Universe) ein Gedankenexperiment. Gleich die erste Ausgabe 2024 wurde zum erfolgreichsten Comic des Jahres. Niemand hatte das auch nur annähernd erwartet. Scott Snyders machte sich vor dem Start sogar sorgen, dass nicht einmal die Mindestanforderung erfüllt werden könnte, um die Serie überhaupt am Laufen zu halten. Kurz gesagt: Das Ding ist eingeschlagen wie eine Bombe, die niemand kommen sah.