Die Beschreibung von Genres ist selten eindeutig, doch gerade das macht sie überhaupt diskussionswürdig. Wäre alles klar und für jeden offensichtlich, würde ein einfacher Lexikoneintrag ausreichen, um das Thema abzuhaken. Heute richten wir den Fokus auf eines der wohl beliebtesten literarischen Genres überhaupt: den Kriminalroman.
Es gibt so viele verschiedene Arten von Kriminalromanen, dass bereits in den 1920er Jahren eine der ersten "Queens of Crime", Dorothy L. Sayers, darüber klagte:
“Es wirkt nahezu unmöglich, den Überblick über die Vielzahl an Krimis zu behalten, die heutzutage produziert werden. Ein Werk nach dem anderen, ob Bücher oder Zeitschriften, strömt aus den Druckpressen, angefüllt mit Geschichten über Morde, Diebstähle, Brandstiftungen, Betrügereien, Verschwörungen, ungelösten Rätseln und nervenaufreibenden Geheimnissen. Die Seiten sind bevölkert von Verrückten, Gaunern, Giftmischern, Fälschern, Würgern, Polizisten, Spionen und Detektiven. Man bekommt das Gefühl, als sei die halbe Welt damit beschäftigt, immer neue Fälle und Intrigen zu ersinnen, nur damit die andere Hälfte sie entschlüsseln kann.”
Beginnen wir unseren Rundgang mit einer grundlegenden Unterscheidung zwischen der Rätselgeschichte und dem Kriminalroman, bevor wir einen Blick auf einige historische Eckpunkte werfen.
Betrachtet man die Begriffe nicht allein aus der Perspektive der deutschen Sprache, zeigt sich rasch, dass die hier üblichen Gattungsbezeichnungen oft kaum hilfreich sind und nahezu vollständig hinterfragt werden müssen. Die englische Sprache fungiert als Hauptbezugspunkt der populären Literatur, was auch durch länderspezifische Besonderheiten nicht wesentlich verändert wird. Ein Beispiel dafür ist der Begriff "Mystery Fiction", zu Deutsch "Rätselgeschichte", der im deutschen Sprachraum kaum gebräuchlich ist. Stattdessen wird der englische Ausdruck "Mystery" häufig übernommen und zur Bezeichnung einer Form der fantastischen Erzählung verwendet, die eher der "Weird Fiction" entspricht. Gleichzeitig wird "Mystery Fiction" hierzulande oft pauschal zur Kriminalliteratur erklärt, wobei diese eigentlich dem englischen Konzept der "Crime Fiction" entspricht – das sich wiederum von der ursprünglichen "Mystery Fiction" deutlich unterscheidet.
Rätselgeschichte vs Kriminalgeschichte
In einer Rätselgeschichte wird ein Verbrechen zum zentralen Element der Handlung. Häufig handelt es sich dabei um einen Mord, jedoch nicht zwingend. Der Verlauf der Handlung konzentriert sich dann darauf, das Verbrechen aufzuklären. Wer ist der Täter, und aus welchen Motiven handelte er? Hierbei lassen sich zwei wesentliche Subgenres unterscheiden: das klassische Whodunit, das den Täter in den Fokus rückt, und das Whydunit, bei dem die Motivation im Mittelpunkt steht. Die herausragendsten Detektivgeschichten beleuchten oft die bemerkenswerte Fähigkeit des Menschen zur Täuschung, insbesondere zur Selbsttäuschung, und stoßen dabei an die Grenzen der menschlichen Vernunft.
Dieses Genre wird nicht ohne Grund als das intellektuell anspruchsvollste innerhalb der Spannungsliteratur betrachtet. Nicht rohe Gewalt prägt die Handlung, sondern vielmehr ein komplexes Spiel des Geistes. Die Frage, wie Wahrheit überhaupt erkannt oder definiert werden kann, durchzieht häufig die Erzählung. Per Definition ist ein Mysterium etwas, das den gewöhnlichen Verstand übersteigt. Womöglich erklärt dies, warum "Mystery" im deutschen Sprachgebrauch oftmals als eine abgeschwächte Form der Horrorliteratur verstanden wird.
In der klassischen Detektivgeschichte liegt der Schwerpunkt auf dem Willenskonflikt zwischen dem Helden auf Seiten des Gesetzes und dem Gesetzlosen, auf ihren unterschiedlichen Auffassungen von Moral und den Aspekten der Gesellschaft, die sie repräsentieren.
Die besten Kriminalgeschichten dienen oft als moralische Aufarbeitung des Lebens des Helden oder eröffnen frische Einblicke in das komplexe Spannungsverhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum. Sie werfen essenzielle Fragen auf, wie etwa die nach der Gerechtigkeit innerhalb einer Gesellschaft. Die Welt, die im Roman geschildert wird, ist aus der Balance geraten und befindet sich irgendwo zwischen einem chaotischen Naturzustand, wo Macht durch Geld und Waffen beherrscht wird, und einem repressiven Polizeistaat, in dem Paranoia herrscht und der Staat jegliches Machtmonopol innehat. Der Protagonist strebt danach, dieses fragile Ungleichgewicht zumindest ein Stück weit zu beseitigen.
Andere zentrale moralische Fragestellungen können sich etwa um den Kampf um Anstand, Ehre und Integrität inmitten einer korrupten Welt drehen, um die Abwägung zwischen individueller Freiheit und bestehender Ordnung und die Spannung zwischen Ehrgeiz und Verpflichtungen gegenüber anderen sein.
Werfen wir nun einen Blick auf die historische Entwicklung des Genres.
Die Geschichte des Kriminalromans
Es ist selbst ein spannendes Rätsel, das Literatur- und Krimifans seit jeher fasziniert: Welches Werk darf eigentlich als erster Kriminalroman der Weltgeschichte gelten? Viele haben eine Meinung dazu, doch ein klarer Konsens ist kaum zu finden. Manche bringen überraschende Vorschläge auf den Tisch, darunter sogar die biblische Geschichte von Kain und Abel. Ein Mordfall ist es zweifellos, und mit einer allwissenden Gottheit als Ermittler könnte man argumentieren, dass sie so etwas wie einen „Krimi“ darstellt. Doch mal ehrlich – ein Detektiv, der ohnehin alles weiß, löst den Fall wohl ohne große Anstrengung. Wirklich spannend ist das nicht.
Ein weiterer Vorschlag, der häufig zur Diskussion steht, stammt aus der legendären Sammlung Tausendundeine Nacht. Dort gibt es die Erzählung von den „Drei goldenen Äpfeln“, die gelegentlich als früher Vorläufer eines Krimis bezeichnet wird. Allerdings bleiben Zweifel angebracht. Der Protagonist zeigt kein wirkliches Interesse daran, das Verbrechen aktiv aufzuklären oder den Täter ausfindig zu machen. Und ohne diese Spurensuche, was ein zentrales Element des Genres ist, lässt sich die Geschichte kaum als „echter“ Krimi einstufen.
Andere Stimmen sehen das mittelalterliche persische Märchen „Die drei Prinzen von Serendip“ als vielversprechenden Kandidaten an. Die Geschichte spielt auf der Insel Sri Lanka, damals bekannt als Serendip, und erzählt von drei Prinzen, die durch eine Reihe glücklicher Zufälle einem verschwundenen Kamel auf die Spur kommen. Hier sind es tatsächlich die Prinzen selbst, die in einer Art Detektivrolle agieren. Zwar stützt sich ihre Entdeckung eher auf Glück als auf deduktive Kombinationsgabe, aber gerade dieser Zufallsaspekt hat es in sich. Davon inspiriert prägte der Schriftsteller Horace Walpole später den Begriff „Serendipity“, der bis heute verwendet wird, um jene Glücksfälle zu beschreiben, bei denen man durch Zufall auf etwas Wertvolles stößt, nach dem man eigentlich gar nicht gesucht hat.
Dorothy Sayers und die Antike
Wo finden wir die Anfänge des Kriminalromans in der Literatur und wer hat den ersten Whodunit geschrieben? Häufig werden Namen wie Arthur Conan Doyle, Wilkie Collins oder Edgar Allan Poe mit den Anfängen dieses Genres in Verbindung gebracht, wobei Poe oft den Titel "Vater des Krimis" für sich beanspruchen darf. Doch die eigentliche Geburtsstunde des Kriminalromans führt uns weiter zurück. Sogar viel weiter.
Eine der ersten Schriftstellerinnen, die sich intensiv mit den Ursprüngen des Kriminalgenres auseinandersetzte, war Dorothy Sayers. In ihrer wegweisenden Anthologie The Omnibus of Crime aus dem Jahr 1929 erstellte sie eine kurze Liste der sogenannten "Vorfahren" dieses literarischen Genres und betrachtete dabei auch Beispiele aus der Antike.
Aus der römischen Mythologie führt Sayers die Geschichte von Herkules und Kakus an, die in ihrer Erzählweise verblüffend detektivische Züge trägt. Während Herkules auf einer Reise sein Vieh am Ufer des Tiber entlang trieb, legte er sich für ein Nickerchen nieder. In diesem Moment erschien Kakus, ein listiges Ungeheuer, aus seiner dunklen Höhle auf dem Palatin-Hügel und entführte einige der Tiere. Als Herkules erwachte und seine Herde zählte, bemerkte er das Fehlen mehrerer Rinder.
Er begann, den Spuren der vermissten Tiere zu folgen, nur um an einer Stelle von einem Rätsel überrascht zu werden: Die Hufspuren schienen plötzlich mitten im Nichts zu enden. Wie sich herausstellte, hatte Kakus die Rinder rückwärts in seine Höhle gezogen, indem er ihre Schwänze packte. Dieses listige Manöver sollte offenbar seine Tat verschleiern. Doch so ausgeklügelt Kakus' Vorgehensweise auch war, es reichte nicht aus. Das Muhen der gefangenen Rinder verriet ihm sein Versteck. Herkules spürte die Höhle auf und machte dem Gauner kurzerhand den Garaus, wenn auch mehr durch rohe Kraft als durch detektivischen Scharfsinn.
Diese antike Episode zeigt eindrucksvoll, wie tief verwurzelt das Motiv von List und Täuschung in der Erzähltradition ist und wie es als Vorläufer für späteres kriminalistisches Erzählen dienen kann. Sayers’ Einordnung solcher Geschichten als Teil der Ursprünge des Genres wirft ein originelles Licht auf die Wurzeln unserer modernen Faszination für Detektivgeschichten.
Sayers erwähnte diese Geschichte, weil der Plan des Bösewichts auf einer Idee basierte, die sie als "Schaffung falscher Spuren" bezeichnete. Hier sind es Hufspuren, die letztlich ins Nichts führen. Dabei haben wir es weniger mit einem klassischen Kriminalfall zu tun, sondern vielmehr mit einem grundlegenden Element der Kriminalliteratur, das hier möglicherweise erstmals als künstlerisches Ausdrucksmittel genutzt wurde. Doch wie alt ist diese Erzählung eigentlich? Obwohl sie in einer mythischen und prähistorischen Vergangenheit spielt, stammen die frühesten überlieferten Versionen – wie jene in Vergils Aeneis – aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. Der renommierte römische Religionshistoriker Georges Dumézil merkt dazu an, dass "die Legende von der eher unfreundlichen Begegnung zwischen Herkules und Kakus vermutlich noch nicht allzu alt war, als Vergil ihr durch seine poetische Bearbeitung zu neuem Glanz verhalf".
Der biblische Held Daniel
Aus der jüdischen Literatur zitiert Sayers zwei Geschichten über den biblischen Helden Daniel. Eine davon ist die oft dargestellte Geschichte von Susanna im Bade. Zwei ältere Richter, die auch Mitglieder des Ältestenrats sind, beobachten Susanna heimlich, während sie nackt in einem Teich badet. Von Begierde getrieben, nähern sie sich ihr und fordern sie auf, mit ihnen Sex zu haben. Sollte sie sich weigern, drohen sie damit, das Gerücht zu verbreiten, sie hätte sich heimlich mit einem Liebhaber getroffen. Als Susanna standhaft ablehnt, bezichtigen die Alten sie des Ehebruchs. Die Lage scheint zunächst aussichtslos für Susanna, doch dann kommt Daniel ihr zu Hilfe. Er fordert eine getrennte Vernehmung der beiden Ältesten, und tatsächlich passen ihre widersprüchlichen Aussagen nicht zusammen. Sie werden als falsche Ankläger entlarvt, zum Tode verurteilt, und Susanna wird rehabilitiert. Sayers beschreibt dies als die erste dokumentierte Anwendung einer „Analyse von Zeugenaussagen“.
Daniel setzte seine detektivischen Fähigkeiten auch dazu ein, um betrügerische Praktiken aufzudecken, insbesondere die der Götzenpriester. Im Tempel des Götzen Bel wurde jede Nacht ein üppiges Festmahl dargebracht, das Heiligtum anschließend versiegelt, und am Morgen schien das Essen auf mysteriöse Weise vom Götzen verzehrt worden zu sein. Eines Abends, kurz bevor der Raum für die Nacht abgeschlossen wurde, ließ Daniel sich zurückfallen und verstreute heimlich eine dünne Schicht Asche auf dem Boden. Als der Tempel am nächsten Morgen wieder geöffnet wurde, enthüllten die klar sichtbaren Fußspuren die Wahrheit. Die vermeintlichen Priester waren in der Nacht durch eine versteckte Tür eingedrungen und hatten das Mahl selbst verzehrt.
Dorothy L. Sayers bezeichnete dieses clevere Vorgehen als den ersten dokumentierten Fall der „Analyse materieller Beweise“. Es zeigt sich, dass Daniel nicht nur ein scharfsinniger Denker war, sondern auch Ansätze moderner Ermittlungsarbeit anwandte. Man könnte ihn beinahe als frühen Detektiv bezeichnen, und die Geschichte um Bel weist durchaus Parallelen zu einem klassischen Rätsel im Stil eines „verschlossenen Raumes“ auf.
Ödipus
1951 präsentierte Ellery Queen in seinem Werk Queen's Quorum: A History of the Detective-Crime Short Story Beispiele aus der antiken Literatur, die er als die "Inkunabeln" der Kriminalliteratur bezeichnete. Der Begriff "Inkunabeln" stammt aus dem Lateinischen und beschreibt die frühesten Phasen oder Spuren von etwas, ursprünglich abgeleitet von den Bändern, die ein Baby in einer Wiege hielten.
In Bezug auf die Behauptung, dass Daniel der erste Detektiv der Literatur gewesen sei, ist bemerkenswert, dass sowohl Ellery Queen als auch Dorothy Sayers einen anderen naheliegenden Kandidaten gänzlich außer Acht ließen: Ödipus, den König von Theben.
Das weltberühmte Drama von Sophokles über die tragische Geschichte des Ödipus wurde um 429 v. Chr. in Athen uraufgeführt, also lange vor den literarischen "Inkunabeln" über Daniel oder Herkules. Tatsächlich reichen schriftliche Überlieferungen der Ödipus-Erzählung sogar noch weiter zurück und gehören zu den ältesten Fragmenten der antiken Literatur.
Sophokles' Ödipus ist nicht nur vermutlich der älteste unter den genannten "Vorfahren" oder "Inkunabeln", sondern auch ein vollwertiger Kriminalroman, der alle Elemente enthält, die dem modernen Leser vertraut erscheinen. Es gibt einen Mörder, ein Opfer, einen Augenzeugen und einen Detektiv, der unbeirrt nach der Wahrheit sucht, bis er schlussendlich die metaphorische Büchse der Pandora öffnet und die dunklen Geheimnisse aller Beteiligten enthüllt.
Zu Beginn des Dramas wird die Stadt Theben von einer verheerenden Seuche geplagt, eine Katastrophe, die nur beendet werden kann, wenn der Mörder des früheren Königs aufgespürt wird. Die Aufgabe, dieses ungeklärte Verbrechen zu lösen, fällt dem amtierenden König Ödipus zu.
Doch wie gelangte Ödipus überhaupt auf den Thron? Einst kam er als einsamer Wanderer nach Theben und beendete eine frühere Epidemie, indem er das legendäre Rätsel der Sphinx löste. Diese Glanzleistung offenbarte ihn bereits als geschickten Problemlöser. Aus Dankbarkeit erhoben ihn die Thebaner zum König, um die Lücke zu füllen, die der kürzlich ermordete König Laios hinterlassen hatte.
Spoiler
… der Mörder des Laios war kein anderer als Ödipus selbst - und Laios war sein Vater. Die Folgen dieser Enthüllung treiben Lokaste in den Selbstmord und Ödipus in die Selbstblendung.
Die alten Griechen erkannten früh, dass Sophokles mit seinem Werk etwas Außergewöhnliches geschaffen hatte. Aristoteles hob in seiner Poetik die Kunstfertigkeit des Dramas „Ödipus“ hervor und betonte: Von allen Einsichten sei jene die beste, die organisch aus den Geschehnissen hervorgehe, bei der die erstaunliche Enthüllung auf natürliche Weise geschieht. Genau das gelänge dem Werk; die Wendung der Handlung benötige keine künstliche Hilfsmittel wie göttliche Zeichen oder Amulette. Mit anderen Worten: Die Offenbarungen in dem Stück wirken nicht durch Zauberei oder zufällige Eingebungen, sondern entwickeln sich wie in einer schrittweisen, logischen Detektivgeschichte. Gerade weil diese Wendungen unvermeidlich aus einem sorgfältigen deduktiven Ablauf entstehen, entfalten sie eine umso größere Wirkung.
Hätte Sophokles die Ereignisse chronologisch erzählt, wären uns der Mord und die Folgen gleich zu Beginn offengelegt worden, und wir wüssten von Anfang an, wer der Täter ist. Doch statt den einfachen Weg zu gehen, setzt Sophokles am Ende der Geschichte an und gestaltet daraus eine meisterhafte Kriminalerzählung, die unserem Wissen nach keine Vorlage hatte. Damit begründete Sophokles nicht nur den Kriminalroman, sondern unterlief das Genre bereits bei dessen Geburt, indem er Detektiv und Mörder in einer Person vereinte. Und als König fungiert Ödipus zugleich auch als Richter und Geschworener, der am Ende seine eigene Strafe verhängt.
Der erste Kriminalroman
Die erste moderne Kriminalgeschichte wird oft Edgar Allan Poe mit seiner Erzählung "Die Morde in der Rue Morgue" aus dem Jahr 1841 zugeschrieben. Allerdings ist E.T.A. Hoffmanns Werk "Das Fräulein von Scuderi" mehr als zwanzig Jahre älter und könnte ebenfalls als Vorläufer des Genres gelten. Zudem existiert eine Geschichte mit dem Titel "The Secret Cell" (1837), geschrieben von William Evans Burton, Poes eigenem Verleger. Diese Erzählung, die einige Jahre vor den "Morden in der Rue Morgue" entstand, wird ebenfalls als ein frühes Beispiel für die Detektivliteratur angesehen. Darin liegt der Fokus auf einem Polizisten, der das Mysterium um das Verschwinden eines jungen Mädchens aufklären muss.
Als erster Kriminalroman wird oft “Der Monddiamant” (1868) von Wilkie Collins genannt, doch bereits zuvor, im Jahr 1862, erschien "Das Rätsel von Notting Hill" von Charles Warren Adams, das wissenschaftlichen Analysen zufolge den tatsächlichen Anfang des Genres markiert. Interessanterweise reicht der Einfluss des Kriminalromans noch weiter zurück. Voltaires "Zadig" aus dem Jahr 1748, ein Werk von philosophischer und erzählerischer Raffinesse, prägte unter anderem Edgar Allan Poe und seine berühmte Figur C. Auguste Dupin maßgeblich.
Ein weiterer oft genannter Meilenstein auf dem Weg zum modernen Kriminalroman ist Charles Dickens’ "Bleak House" aus dem Jahr 1853. Hier tritt mit Inspektor Bucket erstmals ein literarischer Detektiv auf, der in der Geschichte versucht, den Mord am Anwalt Tulkinghorn aufzuklären. Obwohl die detektivischen Elemente nur den letzten Teil des Werkes einnehmen, gilt der Roman als bedeutendes Bindeglied in der Entwicklung des Genres.
Der berühmteste Detektiv ist Sherlock Holmes
Sherlock Holmes ist zweifellos der berühmteste fiktive Detektiv, der je geschaffen wurde, und neben Hamlet, Peter Pan, Ödipus (dessen Geschichte tatsächlich als die erste Detektivgeschichte der gesamten Literatur betrachtet werden kann), Heathcliff, Dracula, Frankenstein und anderen eine der berühmtesten fiktiven Figuren der Welt.
Holmes wurde natürlich von Sir Arthur Conan Doyle erschaffen und ist weitgehend eine Mischung aus Poes Dupin (einige von Dupins Ticks tauchen kaum verhüllt in den Sherlock-Holmes-Geschichten auf) und Dr. Joseph Bell, einem Arzt, der Doyle während seines Medizinstudiums an der Universität Edinburgh unterrichtete.
Sherlock Holmes ist bekannt für seine beeindruckenden geistigen Fähigkeiten, doch entgegen der weit verbreiteten Annahme zieht er keine „echten“ Schlüsse im klassischen Sinne. Genau genommen basiert seine Analyse weniger auf Deduktion als vielmehr auf Induktion, einem Konzept, das in der Logik eine völlig andere Bedeutung hat. Während die Deduktion darauf abzielt, allgemeine Grundsätze heranzuziehen, um spezifische Schlussfolgerungen zu ziehen, stützt sich die Induktion auf konkrete Beobachtungen und Beispiele, wie etwa die Zigarettenasche auf der Kleidung eines Klienten oder die Erdreste an seinen Stiefeln.
Interessanterweise haben einige Logiker darüber hinaus argumentiert, dass die Denkmuster von Holmes häufiger der Abduktion entsprechen könnten. Aber was bedeutet das? Abduktives Denken beschreibt den Prozess des Aufstellens einer Hypothese basierend auf vorliegenden Beweisen. Das wiederum passt ziemlich gut zu dem Methodenkatalog, mit dem Holmes arbeitet, wenn er Rätsel entwirrt und Geheimnisse löst. Tatsächlich ist es diese Kombination aus logischer Schärfe und detektivischem Gespür, die ihn so einzigartig und bewundernswert macht.
Die okkulten Detektive
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, begünstigt durch den Erfolg der Sherlock-Holmes-Geschichten sowie der zunehmenden Beliebtheit von Geistergeschichten und Schauerromanen, entstand ein neues Subgenre: der okkulte Detektiv. Dieser Charakter klärt Verbrechen auf, die oft (aber nicht immer) übernatürlichen Ursprungs sind, und agiert dabei häufig im Stil von Sherlock Holmes. Als eine der frühesten Figuren dieses Genres gilt Dr. Hesselius, geschaffen von Sheridan Le Fanu, auch wenn er selbst nur selten aktiv Ermittlungen führt. Stattdessen beschränkt er sich meist darauf, ruhig auf einem Stuhl zu sitzen und zuzuhören. Die bekannteste Figur dieses Subgenres ist jedoch John Silence, der "Psycho-Arzt" aus der Feder von Algernon Blackwood. Dessen Werk John Silence: Physician Extraordinary aus dem Jahr 1908 ging nicht nur in die literarische Geschichte ein. Es war der erste Roman, der auf Reklametafeln am Straßenrand beworben wurde, und avancierte rasch zu einem Bestseller.
Das 20. Jahrhundert
Im 20. Jahrhundert war Endeavour Morse nur einer von vielen Detektiven, die im Oxford-Umfeld ermittelten. Zu den bemerkenswerten Vorgängern zählen unter anderem Lord Peter Wimsey, erschaffen von Dorothy L. Sayers, sowie der Oxford-Professor Gervase Fen, eine Figur aus der Feder von Edmund Crispin (mit bürgerlichem Namen Bruce Montgomery). Crispin wird dabei oft als einer der letzten großen Vertreter des klassischen Kriminalromans angesehen.
Die bekannteste und erfolgreichste Krimiautorin aller Zeiten bleibt jedoch Agatha Christie. Angesichts der Vielzahl faszinierender Fakten über sie verdient dieses Thema unbedingt eine eigenständige Betrachtung.
Der Detektivroman vor der viktorianischen Ära
Es ist allgemein bekannt, dass der Kriminalroman und die Detektivgeschichte ihre Ursprünge im Viktorianischen Zeitalter haben, auch wenn es Berichte über Verbrechen schon lange zuvor gegeben hat. Zwischen 1800 und 1900 wurden schätzungsweise 6000 Werke dieser Art in englischer Sprache veröffentlicht. Dies überrascht kaum, denn die englischsprachige Welt war in jener Zeit ein Zentrum kultureller Innovationen, eine Dynamik, die weitgehend bis heute anhält, abgesehen von wenigen Ausnahmen.
Das viktorianische Publikum schien einen unstillbaren und langanhaltenden Hunger nach Kriminalromanen zu haben. Doch was war die Quelle dieses ungebrochenen Interesses?
Ab 1773 bot der berühmte Newgate-Kalender der englischen Öffentlichkeit erstmals eine regelmäßige Quelle für Informationen über kriminelle Machenschaften. Er veröffentlichte Geschichten, die auf den tatsächlichen Taten von Insassen des Newgate-Gefängnisses basierten. Diese Berichte kombinierten biografische Hintergründe der Angeklagten mit Erzählungen, die vor allem deren moralischen Absturz in den Vordergrund rückten. Ursprünglich als warnende und lehrreiche Lektüre gedacht, entfachten die Geschichten jedoch zugleich eine wachsende Faszination für das Verbrechermilieu. Dadurch fanden sie schnell weite Verbreitung und übten bald Einfluss auf die zeitgenössische Belletristik aus.
Populäre Autoren begannen, sich dem Thema Verbrechen zuzuwenden, um die gesteigerte Nachfrage der Leserschaft nach solchen Geschichten zu bedienen. Aus diesem Trend entwickelten sich die sogenannten Newgate-Romane. Diese literarischen Werke zeigten häufig Verständnis für die Täter und beleuchteten die gesellschaftlichen oder persönlichen Umstände, die sie zur Kriminalität getrieben hatten.
Die Faszination für das schillernde Leben von Kriminellen und die düsteren Winkel menschlicher Abgründe war im 19. Jahrhundert kaum zu übersehen. Autoren wie Charles Dickens mit Werken wie Oliver Twist und Barnaby Rudge, Edward Bulwer-Lytton mit Paul Clifford und Eugene Aram sowie Harrison Ainsworth mit Jack Sheppard bedienten diese Neugier meisterhaft. Ihre Geschichten, geprägt von Spannung und Dramatik, gaben Einblick in die teils erschreckenden, teils romantisierten Schicksale realer und erfundener Verbrecher und wurden von der Leserschaft begeistert aufgenommen.
Doch die Faszination beschränkte sich nicht nur auf Literatur. Auch Tageszeitungen machten sich das Interesse der Öffentlichkeit zunutze. Ein besonders einprägsames Beispiel liefert die Illustrated Times, die 1856 eine Sonderausgabe zu den Gerichtsverhandlungen gegen Dr. William Palmer herausbrachte. Der Arzt hatte durch Gift mindestens seine Frau und mehrere seiner Kinder ermordet, was das Land mit Entsetzen quittierte. Die Berichterstattung schlug hohe Wellen,so sehr, dass sich die Auflage der Zeitung kurzerhand verdoppelte.
Besonders spektakuläre Fälle fanden auch ihren Weg auf die Theaterbühnen, wo sie genau den Nerv des Publikums trafen. Es zeigt sich, dass die englische Gesellschaft jener Zeit überaus empfänglich für das Thema Kriminalität war, und zwar in all seinen Ausdrucksformen. Ob in Romanen, Zeitungsartikeln, Prozessberichten oder Bühnenshows. Die Begeisterung für spektakuläre Verbrechen und deren dramatische Inszenierung schien keine Grenzen zu kennen.
Die Gründung von Scotland Yard
Mit der Gründung des London Metropolitan Police Service (bekannt als Scotland Yard) im Jahr 1829 und der City of London Police im Jahr 1839 rückte ein neuer Aspekt der Betrachtung von Kriminalität in den Fokus. Wie wurden Verbrecher entdeckt, gefasst und schließlich vor Gericht gestellt? Diese Entwicklung eröffnete faszinierende Möglichkeiten, den ewigen Konflikt zwischen Polizei und Kriminellen, zwischen Recht und Unrecht, näher zu beleuchten. Die Entstehung einer organisierten Kriminalermittlung legte den Grundstein für ein narratives Element, das später zum Herzstück des Kriminalromans wurde. Der persönliche Schlagabtausch zwischen einem cleveren Detektiv und seinem ebenso gewieften Gegenspieler, diesem ewigen Duell zwischen Gut und Böse, etablierte sich über die Jahre als unwiderstehliches Grundthema der Kriminalliteratur.
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| Old Scotland Yard |
Inmitten der morbiden Faszination für Verbrechen stach besonders das Interesse an Frauen hervor, die zu Mörderinnen wurden. Dies lag vermutlich vor allem daran, dass Frauen seltener vor Gericht gestellt wurden als Männer und in der damaligen Vorstellung als weniger gewalttätig galten. Sie wurden typischerweise als fürsorgliche, nährende Beschützerinnen von Heim und Familie wahrgenommen, was solchen Fällen eine besondere Brisanz verlieh. Zudem führte dieses Rollenbild oft dazu, dass Frauen milder behandelt oder ihre Taten unter medizinischen Gesichtspunkten betrachtet wurden.
Gerichtsfälle wie der von Constance Kent, die 1865 ihren dreijährigen Halbbruder durch einen Kehlschnitt ermordete, oder der von Madeleine Smith, die 1857 ihren Liebhaber mit Arsen tötete, verdeutlichten und stärkten die damalige Vorstellung, dass Frauen zu den schwersten Verbrechen fähig waren – sowohl gegen die Grundlagen der Zivilisation als auch gegen ihre vermeintlich natürliche weibliche Wesensart. Ein Bericht der Times vom 28. Juli 1865 hebt insbesondere Kents emotionsloses Auftreten hervor, was schlussendlich dazu beitrug, dass ihr Todesurteil in eine Strafe zur Zwangsarbeit umgewandelt wurde.
Madeleine Smith, die beschuldigt wurde, einen aufdringlichen Verehrer mit Gift aus dem Weg geräumt zu haben, verkörperte das andere Extrem, nämlich den Ausdruck eines ungehemmten sexuellen Verlangens.
Obwohl die Anklage entschlossen war, Smiths vermeintlich verwerfliches moralisches Verhalten aufgrund ihrer sexuellen Beziehungen vor Gericht anzuprangern, entging sie letztlich einer Verurteilung. Rechtshistoriker vermuten, dass ihre Freilassung nicht nur mit dem Mangel an Beweisen in Zusammenhang stand, die sie direkt mit dem Mord in Verbindung bringen konnten. Vielmehr habe auch ihre strategische Entscheidung, keine Aussage zu machen und dadurch eine direkte Befragung zu vermeiden, ebenso wie ihre bemerkenswerte Gelassenheit während des neuntägigen Prozesses eine entscheidende Rolle gespielt.
Smith war als mutmaßliche Giftmörderin jedoch keineswegs ein Einzelfall. Im 19. Jahrhundert betraf etwa ein Drittel aller registrierten Kriminalfälle, bei denen Vergiftungen nachgewiesen wurden, die Verwendung von Arsen. Dieses war in Apotheken leicht verfügbar, kostengünstig und diente ursprünglich zur Schädlingsbekämpfung im Haushalt. Für Mediziner gestaltete sich die Unterscheidung zwischen den Symptomen einer Arsenvergiftung und anderen Magenerkrankungen extrem schwierig, was es Tätern erleichterte, der Strafverfolgung zu entkommen, zumindest bis 1836, als Methoden entwickelt wurden, Arsen im Körper nachzuweisen. In der Folge ging die Zahl der Arsenvergiftungen zurück. Gleichzeitig eröffneten neue Scheidungsgesetze Frauen Alternativen, um unglücklichen Ehen zu entkommen. Dennoch etablierte sich in dieser Ära das Klischee vom Gift als "Waffe der Frauen", maßgeblich geprägt durch Fälle wie den von Madeleine Smith.
Als Königin Victoria 1837 den Thron bestieg und damit das Viktorianische Zeitalter einläutete, war die Popularität von Kriminalgeschichten in allen Medien bereits 60 Jahre alt. Der Grundstein für die erste Blütezeit des Kriminalromans war gelegt, unter anderem mit den Geschichten von Arthur Conan Doyle und seinem Detektiv Sherlock Holmes.

