„Das Superhelden-Genre ist tot. Lang lebe das Superhelden-Genre.“
Es gibt Comicserien, die einfach gute Geschichten erzählen, und solche, die das Medium an sich hinterfragen. Black Hammer, erschienen 2016 bei Dark Horse Comics, gehört eindeutig zur zweiten, weit weniger verbreiteten Kategorie. Geschrieben von Jeff Lemire und illustriert von Dean Ormston in der Hauptphase, ist diese Reihe eine Hommage an die Superheldengeschichte – und zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit ihr.
Wer das liest und denkt: „Klingt nach dem üblichen Dekonstruktions-Brimborium“, den muss ich korrigieren. Black Hammer ist eben kein zynischer Angriff auf das Genre. Es ist eine melancholische Liebeserklärung, die das Genre auf tiefgründige Weise untersucht.
Die Prämisse
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| © Splitter |
Das Dorfleben als unüberwindbare Tortur für Menschen, deren Existenz normalerweise durch heldenhafte Aufgaben definiert wird. Lemire nimmt den klassischen Superheldenmythos, geprägt von Missionen, Kämpfen und Siegen, und friert ihn vollständig ein. Was bleibt, wenn das Abenteuer vorbei ist? Was geschieht mit der Person hinter der Maske, wenn der Held in ihr keine Aufgabe mehr hat?
Diese Frage ist eigentlich so alt wie der Comic selbst, aber selten wurde sie so radikal in die Struktur der Handlung eingeschrieben. Es passiert hier nichts Großes. Und genau darin liegt die Spannung.
Die Figuren als Comic-Archäologie
Jeff Lemires meisterhaftester Schachzug liegt in seinem Ensemble aus Charakteren. Jeder von ihnen repräsentiert einen archetypischen Kern der Comicgeschichte, auf das Wesentliche reduziert.
Abraham Slam ist der in die Jahre gekommene Held, der mit unnachgiebiger Willenskraft und zwei starken Fäusten glänzt, aber keine außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt. Er verkörpert den archetypischen Superhelden aus den frühen 1940er-Jahren, der im Goldenen Zeitalter ein Symbol des Ideals gewesen wäre. Einst als junger Kämpfer gegen das Verbrechen unterwegs, verbringt er nun sein Alter auf einer abgelegenen Farm und fragt sich, wie es dazu kommen konnte. In seiner Figur spiegelt sich die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten wider, die Jeff Lemire als das schmerzhafte Bewusstsein entfaltet, dass man sich früher lebendiger gefühlt hat.
Colonel Weird ist wohl die rätselhafteste und bizarrste Persönlichkeit der Gruppe. Als kosmischer Abenteurer, der ein wenig an Adam Strange und surrealistische Steve-Ditko-Welten erinnert, driftet er durch die sogenannte Para-Zone, einen Zwischenraum außerhalb von Zeit und Raum. Dieser Zustand lässt ihn fragmentarisch durch seine eigene Vergangenheit und Zukunft springen. Lemire nutzt ihn symbolträchtig, um Themen wie Trauma und Dissoziation zu ergründen, ohne sie direkt zu benennen. Weird ist derjenige, der stets mehr weiß als alle anderen, jedoch unfähig ist, dieses Wissen weiterzugeben – eine isolierende Einsamkeit auf höchstem Niveau.
Barbalien, ein Krieger vom Mars, ist auf der Erde gestrandet, doch seine Migration bringt ein doppelt schweres Schicksal mit sich: er ist schwul. Lemire bringt die Facetten seiner Sexualität mit beeindruckender Sensibilität ins Spiel. Barbalien wird nicht auf seine sexuelle Orientierung reduziert; er hat durch diese Identität bereits auf seinem Heimatplaneten Verfolgung erfahren, nur um auf der Erde in einer ebenso unbarmherzigen Ära Fuß zu fassen. Die Doppelrolle – als Außerirdischer unter Menschen sowie als Homosexueller in einer konservativen Gesellschaft der Retro-Fünfziger – verleiht seiner Figur eine komplexe und tiefgründige Dimension.
Madame Dragonfly lebt zurückgezogen in einem Spukhaus und trägt die Aura einer Mischung aus Elvira und Swamp Thing. Als Wächterin dunkler Geheimnisse verbirgt sie ihren eigenen Schmerz hinter einem Schleier aus Mystik. Und dann gibt es noch Gail, einen der tragischsten Charaktere des Ensembles. Trotz der immensen Kraft eines ganzen Planeten steckt sie im Körper eines kleinen Mädchens fest, allerdings mit dem Wissen und der Erfahrung einer erwachsenen Frau. In ihr thematisiert Lemire eindrucksvoll, was es bedeutet, von der Welt unterschätzt zu werden, obwohl man weitaus mehr erlebt und erlitten hat als viele andere.
Dean Ormston am Werk
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| © Splitter |
Seine Figuren wirken verbraucht, wie Menschen mit einer langen Geschichte und einem schweren Gepäck an Erlebnissen. Wenn Abraham Slam auf seiner Veranda sitzt und seinen Blick langsam über die Felder schweifen lässt, erzählt jede Linie in Ormstons Zeichnungen eine Geschichte, die ganz ohne Worte auskommt.
Mit der Zeit gewinnt das Black Hammer-Universum durch den Einstieg anderer Zeichner wie Jeff Lemire selbst (bei Black Hammer: Secret Origins), Wilfredo Torres (bei Doctor Weird) und Rich Tommaso (bei verschiedenen Spin-offs) eine visuelle Vielfalt. Der Stil wechselt bewusst von Miniserie zu Miniserie, wobei jede Geschichte ihre eigene, stilistisch passende Handschrift erhält. Dieser fragmentierte Look ist beabsichtigt, denn er spiegelt die zentralen Themen des Universums wider. Erinnerung, Identität und die verzerrte Wahrnehmung von Realität.
Im Dialog mit der Comic-Historie
Jeff Lemire lässt keinen Zweifel daran, woher seine Inspiration stammt. Black Hammer ist durchzogen von Anspielungen, die Leser sofort wiedererkennen. Doch sein Umgang mit diesen Elementen ist zugleich liebevoll und bemerkenswert facettenreich. Ein Ort wie Spiral City, eine Mischung aus Metropolis und Gotham, verdeutlicht die Handschrift dieser Welt. Der zentrale Charakter Black Hammer – einst ein strahlender Held, dessen mächtige Waffe die Gruppe unfreiwillig auf die geheimnisvolle Farm geführt hat – offenbart Einflüsse, die von Thor und nordischen Mythen bis hin zu tiefgehendem Familien- und Identitätskonflikt reichen, wobei Göttlichkeit mehr Bürde als Segen ist.
Doch Lemire geht mit seiner Geschichte über eine bloße Hommage hinaus. Er lotet die Strukturen des Superheldengenres aus und hinterfragt dessen unverkennbare Eigenheiten. Seit dem Silver Age scheinen Superhelden-Comics einen unersättlichen Drang zum Status quo zu pflegen. Nichts ist von Dauer, Tote kehren zurück, und am Ende wird die Welt immer aufs Neue gerettet. In Black Hammer wird dieser „Pakt“ gebrochen. Die Farm steht für Kontinuität, für etwas Unausweichliches. Das Gefühl der Gefangenschaft ist allgegenwärtig, und jede aufkeimende Hoffnung wird unweigerlich von misstrauischer Vorsicht begleitet.Lemire geht weiter ins Detail: „Wenn wir wirklich reflektieren, was es heißt, ein Leben lang ein Held zu sein – was dann? Was bleibt davon übrig? Was geht auf diesem Weg verloren, und was passiert, wenn die Pflicht erlischt?”
Die wiederkehrenden Vergleiche mit Werken wie Watchmen von Alan Moore oder Marvels von Kurt Busiek sind dabei keineswegs zufällig gewählt. Während Watchmen mit chirurgischer Präzision Dekonstruktion betreibt und Marvels die Superhelden durch die ehrfürchtigen Augen eines Außenstehenden feiert, nimmt Black Hammer eine interessante Zwischenstellung ein. Es ist voller Zuneigung für seine Charaktere, ohne sie zu idealisieren. Gleichzeitig ist es zu ehrlich, um sie unkritisch zu verherrlichen. Der Spagat zwischen Liebe und Aufrichtigkeit macht das Werk zu einer außergewöhnlichen Reflexion über das Wesen von Helden.
Das Black-Hammer-Universum
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| © Black Horse / DC Comics |
Erstaunlich ist vor allem, wie gut dieses Universum funktioniert. Die Spin-offs vertiefen die Geschichten und Hintergründe der Charaktere, die im Hauptband oft nur angerissen wurden. So erhält Barbaliens Vergangenheit Raum für eine intensive und würdige Darstellung, während Colonel Weirds kosmisches Umherziehen in The World of Black Hammer zu einem einzigartigen Erlebnis wird. Das Universum wächst kontinuierlich, ohne seine Essenz zu verlieren oder sich selbst zu widersprechen.
Black Hammer – eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Verlust und Identität
Black Hammer ist im Kern ein Comic über Verlust und Verzweiflung. Es erzählt von der schmerzhaften Erfahrung, an einer Rolle festzuhalten, die nicht mehr existiert, und der Suche nach Bedeutung in einem Leben, das einst außergewöhnlich war, sich nun aber in der Stille des Gewöhnlichen abspielt.
Die isolierte Farm, die unaufhörliche Stille, das Gefühl des gefangenseins – diese Elemente spiegeln das Wesen einer Depression wider. Sie verkörpern das Empfinden, dass das wahre Leben irgendwo anders geschieht, während man selbst im Stillstand verharrt. Jeff Lemire nutzt das Kostüm der Superhelden, weil es als Medium kraftvoll und ernsthaft menschliche Erfahrungen transportieren kann, wenn es gekonnt eingesetzt wird.
Diese emotionale Tiefe ist es, die Black Hammer von typischen Dekonstruktionen des Genres abhebt. Der Comic behandelt seine Leser nicht als Mitwisser eines Insider-Witzes, noch setzt er umfangreiche Vorkenntnisse voraus. Selbst Menschen, die mit Superhelden-Comics keinerlei Berührung hatten, können sich in den Figuren und ihrer universellen Geschichte wiederfinden. Diese dreht sich letztlich um das Ringen von Menschen, die sich damit konfrontiert sehen, dass sie niemals jene werden konnten, die sie sein wollten.
Wer hingegen mit den Arbeiten von Künstlern wie Jack Kirby oder Steve Ditko vertraut ist oder das Silver Age sowie die Werke von Geoff Johns und Grant Morrison schätzt, entdeckt zusätzliche Ebenen der Erzählung. Die subtil eingearbeiteten Verweise füllen die Geschichte mit einer atmosphärischen Dichte und einer spürbaren Liebe zum Detail, die dazu einlädt, den Comic erneut zu lesen, um all die verborgenen Hinweise zu entschlüsseln.
Black Hammer ist eine Pflichtlektüre für Fans des Genres und all jene, die sich von bewegenden Geschichten angesprochen fühlen. Es reflektiert tiefgehend über die Bedeutung und den Kern des Superhelden-Genres und enthält mehr Herz und Menschlichkeit als viele Werke der vergangenen Jahrzehnte aus den großen Comic-Verlagen.




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