Vom True Crime zur Fiktion: Die Geschichte des Kriminalromans

Die Beschreibung von Genres ist selten eindeutig, doch gerade das macht sie überhaupt diskussionswürdig. Wäre alles klar und für jeden offensichtlich, würde ein einfacher Lexikoneintrag ausreichen, um das Thema abzuhaken. Heute richten wir den Fokus auf eines der wohl beliebtesten literarischen Genres überhaupt: den Kriminalroman.

Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass es niemals eine allumfassende Definition eines Genres geben kann. Daher handelt es sich hier lediglich um einen kleinen Überblick. 

Es gibt so viele verschiedene Arten von Kriminalromanen, dass bereits in den 1920er Jahren eine der ersten Queens of Crime, Dorothy L. Sayers, darüber klagte:

“Es wirkt nahezu unmöglich, den Überblick über die Vielzahl an Krimis zu behalten, die heutzutage produziert werden. Ein Werk nach dem anderen, ob Bücher oder Zeitschriften, strömt aus den Druckpressen – angefüllt mit Geschichten über Morde, Diebstähle, Brandstiftungen, Betrügereien, Verschwörungen, ungelösten Rätseln und nervenaufreibenden Geheimnissen. Die Seiten sind bevölkert von Verrückten, Gaunern, Giftmischern, Fälschern, Würgern, Polizisten, Spionen und Detektiven. Man bekommt das Gefühl, als sei die halbe Welt damit beschäftigt, immer neue Fälle und Intrigen zu ersinnen, nur damit die andere Hälfte sie entschlüsseln kann.” 

Dorothy Sayers
Dorothy Sayers

Beginnen wir unseren Rundgang mit einer grundlegenden Unterscheidung zwischen der Rätselgeschichte und dem Kriminalroman, bevor wir einen Blick auf einige historische Eckpunkte werfen. 

Betrachtet man die Begriffe nicht allein aus der Perspektive der deutschen Sprache, zeigt sich rasch, dass die hier üblichen Gattungsbezeichnungen oft kaum hilfreich sind und nahezu vollständig hinterfragt werden müssen. Die englische Sprache fungiert als Hauptbezugspunkt der populären Literatur, was auch durch länderspezifische Besonderheiten nicht wesentlich verändert wird. Ein Beispiel dafür ist der Begriff Mystery Fiction, zu Deutsch Rätselgeschichte, der im deutschen Sprachraum kaum gebräuchlich ist. Stattdessen wird der englische Ausdruck Mystery häufig übernommen und zur Bezeichnung einer Form der fantastischen Erzählung verwendet, die eher der Weird Fiction entspricht. Gleichzeitig wird Mystery Fiction hierzulande oft pauschal zur Kriminalliteratur erklärt, wobei diese eigentlich dem englischen Konzept der Crime Fiction entspricht – das sich wiederum von der ursprünglichen Mystery Fiction deutlich unterscheidet. 

Rätselgeschichte vs Kriminalgeschichte

In einer Rätselgeschichte wird ein Verbrechen zum zentralen Element der Handlung. Häufig handelt es sich dabei um einen Mord, jedoch nicht zwingend. Der Verlauf der Handlung konzentriert sich dann darauf, das Verbrechen aufzuklären. Wer ist der Täter, und aus welchen Motiven handelte er? Hierbei lassen sich zwei wesentliche Subgenres unterscheiden: das klassische Whodunit, das den Täter in den Fokus rückt, und das Whydunit, bei dem die Motivation im Mittelpunkt steht. Die herausragendsten Detektivgeschichten beleuchten oft die bemerkenswerte Fähigkeit des Menschen zur Täuschung, insbesondere zur Selbsttäuschung, und stoßen dabei an die Grenzen der menschlichen Vernunft.

Dieses Genre wird nicht ohne Grund als das intellektuell anspruchsvollste innerhalb der Spannungsliteratur betrachtet. Nicht rohe Gewalt prägt die Handlung, sondern vielmehr ein komplexes Spiel des Geistes. Die Frage, wie Wahrheit überhaupt erkannt oder definiert werden kann, durchzieht häufig die Erzählung. Per Definition ist ein Mysterium etwas, das den gewöhnlichen Verstand übersteigt. Womöglich erklärt dies, warum Mystery im deutschen Sprachgebrauch oftmals als eine abgeschwächte Form der Horrorliteratur verstanden wird.

In der klassischen Detektivgeschichte liegt der Schwerpunkt auf dem Willenskonflikt zwischen dem Helden auf Seiten des Gesetzes und dem Gesetzlosen, auf ihren unterschiedlichen Auffassungen von Moral und den Aspekten der Gesellschaft, die sie repräsentieren.

Die besten Kriminalgeschichten dienen oft als moralische Aufarbeitung des Lebens des Helden oder eröffnen frische Einblicke in das komplexe Spannungsverhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum. Sie werfen essenzielle Fragen auf, wie etwa die nach der Gerechtigkeit innerhalb einer Gesellschaft. Die Welt, die im Roman geschildert wird, ist aus der Balance geraten und befindet sich irgendwo zwischen einem chaotischen Naturzustand, wo Macht durch Geld und Waffen beherrscht wird, und einem repressiven Polizeistaat, in dem Paranoia herrscht und der Staat jegliches Machtmonopol innehat. Der Protagonist strebt danach, dieses fragile Ungleichgewicht zumindest ein Stück weit zu beseitigen.

Andere zentrale moralische Fragestellungen können sich etwa um den Kampf um Anstand, Ehre und Integrität inmitten einer korrupten Welt drehen, um die Abwägung zwischen individueller Freiheit und bestehender Ordnung und die Spannung zwischen Ehrgeiz und Verpflichtungen gegenüber anderen sein.

Werfen wir nun einen Blick auf die historische Entwicklung des Genres.

Die Geschichte des Kriminalromans

Szene aus Kain und Abel von Peter Paul Rubens

Es ist selbst ein spannendes Rätsel, das Literatur- und Krimifans seit jeher fasziniert: Welches Werk darf eigentlich als erster Kriminalroman der Weltgeschichte gelten? Viele haben eine Meinung dazu, doch ein klarer Konsens ist kaum zu finden. Manche bringen überraschende Vorschläge auf den Tisch, darunter sogar die biblische Geschichte von Kain und Abel. Ein Mordfall ist es zweifellos, und mit einer allwissenden Gottheit als Ermittler könnte man argumentieren, dass sie so etwas wie einen Krimi darstellt. Doch mal ehrlich – ein Detektiv, der ohnehin alles weiß, löst den Fall wohl ohne große Anstrengung. Wirklich spannend ist das nicht.

Ein weiterer Vorschlag, der häufig zur Diskussion steht, stammt aus der legendären Sammlung Tausendundeine Nacht. Dort gibt es die Erzählung von den Drei goldenen Äpfeln, die gelegentlich als früher Vorläufer eines Krimis bezeichnet wird. Allerdings bleiben Zweifel angebracht. Der Protagonist zeigt kein wirkliches Interesse daran, das Verbrechen aktiv aufzuklären oder den Täter ausfindig zu machen. Und ohne diese Spurensuche, was ein zentrales Element des Genres ist, lässt sich die Geschichte kaum als echter Krimi einstufen.

Andere Stimmen sehen das mittelalterliche persische Märchen Die drei Prinzen von Serendip als vielversprechenden Kandidaten an. Die Geschichte spielt auf der Insel Sri Lanka – damals bekannt als Serendip – und erzählt von drei Prinzen, die durch eine Reihe glücklicher Zufälle einem verschwundenen Kamel auf die Spur kommen. Hier sind es tatsächlich die Prinzen selbst, die in einer Art Detektivrolle agieren. Zwar stützt sich ihre Entdeckung eher auf Glück als auf deduktive Kombinationsgabe, aber gerade dieser Zufallsaspekt hat es in sich. Davon inspiriert prägte der Schriftsteller Horace Walpole später den Begriff Serendipity, der bis heute verwendet wird, um jene Glücksfälle zu beschreiben, bei denen man durch Zufall auf etwas Wertvolles stößt, nach dem man eigentlich gar nicht gesucht hat.

Sayers und die Antike

Wo finden wir die Anfänge des Kriminalromans in der Literatur und wer hat den ersten Whodunit geschrieben? Häufig werden Namen wie Arthur Conan Doyle, Wilkie Collins oder Edgar Allan Poe mit den Anfängen dieses Genres in Verbindung gebracht, wobei Poe oft den Titel "Vater des Krimis" für sich beanspruchen darf. Doch die eigentliche Geburtsstunde des Kriminalromans führt uns weiter zurück. Sogar viel weiter. 

Herkules
Antonio del Pollaiolo: Hercules

Eine der ersten Schriftstellerinnen, die sich intensiv mit den Ursprüngen des Kriminalgenres auseinandersetzte, war Dorothy Sayers. In ihrer wegweisenden Anthologie The Omnibus of Crime aus dem Jahr 1929 erstellte sie eine kurze Liste der sogenannten "Vorfahren" dieses literarischen Genres und betrachtete dabei auch Beispiele aus der Antike.

Aus der römischen Mythologie führt Sayers die Geschichte von Herkules und Kakus an, die in ihrer Erzählweise verblüffend detektivische Züge trägt. Während Herkules auf einer Reise sein Vieh am Ufer des Tiber entlang trieb, legte er sich für ein Nickerchen nieder. In diesem Moment erschien Kakus, ein listiges Ungeheuer, aus seiner dunklen Höhle auf dem Palatin-Hügel und entführte einige der Tiere. Als Herkules erwachte und seine Herde zählte, bemerkte er das Fehlen mehrerer Rinder.

Er begann, den Spuren der vermissten Tiere zu folgen, nur um an einer Stelle von einem Rätsel überrascht zu werden: Die Hufspuren schienen plötzlich mitten im Nichts zu enden. Wie sich herausstellte, hatte Kakus die Rinder rückwärts in seine Höhle gezogen, indem er ihre Schwänze packte. Dieses listige Manöver sollte offenbar seine Tat verschleiern. Doch so ausgeklügelt Kakus' Vorgehensweise auch war, es reichte nicht aus. Das Muhen der gefangenen Rinder verriet ihm sein Versteck. Herkules spürte die Höhle auf und machte dem Gauner kurzerhand den Garaus, wenn auch mehr durch rohe Kraft als durch detektivischen Scharfsinn.

Diese antike Episode zeigt eindrucksvoll, wie tief verwurzelt das Motiv von List und Täuschung in der Erzähltradition ist und wie es als Vorläufer für späteres kriminalistisches Erzählen dienen kann. Sayers’ Einordnung solcher Geschichten als Teil der Ursprünge des Genres wirft ein originelles Licht auf die Wurzeln unserer modernen Faszination für Detektivgeschichten.

Sayers erwähnte diese Geschichte, weil der Plan des Bösewichts auf einer Idee basierte, die sie als Schaffung falscher Spuren bezeichnete. Hier sind es Hufspuren, die letztlich ins Nichts führen. Dabei haben wir es weniger mit einem klassischen Kriminalfall zu tun, sondern vielmehr mit einem grundlegenden Element der Kriminalliteratur, das hier möglicherweise erstmals als künstlerisches Ausdrucksmittel genutzt wurde. Doch wie alt ist diese Erzählung eigentlich? Obwohl sie in einer mythischen und prähistorischen Vergangenheit spielt, stammen die frühesten überlieferten Versionen – wie jene in Vergils Aeneis – aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. Der renommierte römische Religionshistoriker Georges Dumézil merkt dazu an, dass "die Legende von der eher unfreundlichen Begegnung zwischen Herkules und Kakus vermutlich noch nicht allzu alt war, als Vergil ihr durch seine poetische Bearbeitung zu neuem Glanz verhalf".

Daniel und sie Sphinx
Die Sphinx und Daniel

Aus der jüdischen Literatur zitiert Sayers zwei Geschichten über den biblischen Helden Daniel. Eine davon ist die oft dargestellte Geschichte von Susanna im Bade. Zwei ältere Richter, die auch Mitglieder des Ältestenrats sind, beobachten Susanna heimlich, während sie nackt in einem Teich badet. Von Begierde getrieben, nähern sie sich ihr und fordern sie auf, mit ihnen Sex zu haben. Sollte sie sich weigern, drohen sie damit, das Gerücht zu verbreiten, sie hätte sich heimlich mit einem Liebhaber getroffen. Als Susanna standhaft ablehnt, bezichtigen die Alten sie des Ehebruchs. Die Lage scheint zunächst aussichtslos für Susanna, doch dann kommt Daniel ihr zu Hilfe. Er fordert eine getrennte Vernehmung der beiden Ältesten, und tatsächlich passen ihre widersprüchlichen Aussagen nicht zusammen. Sie werden als falsche Ankläger entlarvt, zum Tode verurteilt, und Susanna wird rehabilitiert. Sayers beschreibt dies als die erste dokumentierte Anwendung einer Analyse von Zeugenaussagen.

Daniel setzte seine detektivischen Fähigkeiten auch dazu ein, um betrügerische Praktiken aufzudecken, insbesondere die der Götzenpriester. Im Tempel des Götzen Bel wurde jede Nacht ein üppiges Festmahl dargebracht, das Heiligtum anschließend versiegelt, und am Morgen schien das Essen auf mysteriöse Weise vom Götzen verzehrt worden zu sein. Eines Abends, kurz bevor der Raum für die Nacht abgeschlossen wurde, ließ Daniel sich zurückfallen und verstreute heimlich eine dünne Schicht Asche auf dem Boden. Als der Tempel am nächsten Morgen wieder geöffnet wurde, enthüllten die klar sichtbaren Fußspuren die Wahrheit. Die vermeintlichen Priester waren in der Nacht durch eine versteckte Tür eingedrungen und hatten das Mahl selbst verzehrt.

Dorothy L. Sayers bezeichnete dieses clevere Vorgehen als den ersten dokumentierten Fall der Analyse materieller Beweise. Es zeigt sich, dass Daniel nicht nur ein scharfsinniger Denker war, sondern auch Ansätze moderner Ermittlungsarbeit anwandte. Man könnte ihn beinahe als frühen Detektiv bezeichnen, und die Geschichte um Bel weist durchaus Parallelen zu einem klassischen Rätsel im Stil eines verschlossenen Raumes auf.

1951 präsentierte Ellery Queen in seinem Werk Queen's Quorum: A History of the Detective-Crime Short Story Beispiele aus der antiken Literatur, die er als die "Inkunabeln" der Kriminalliteratur bezeichnete. Der Begriff "Inkunabeln" stammt aus dem Lateinischen und beschreibt die frühesten Phasen oder Spuren von etwas, ursprünglich abgeleitet von den Bändern, die ein Baby in einer Wiege hielten.

In Bezug auf die Behauptung, dass Daniel der erste Detektiv der Literatur gewesen sei, ist bemerkenswert, dass sowohl Ellery Queen als auch Dorothy Sayers einen anderen naheliegenden Kandidaten gänzlich außer Acht ließen: Ödipus, den König von Theben.

Das weltberühmte Drama von Sophokles über die tragische Geschichte des Ödipus wurde um 429 v. Chr. in Athen uraufgeführt, also lange vor den literarischen "Inkunabeln" über Daniel oder Herkules. Tatsächlich reichen schriftliche Überlieferungen der Ödipus-Erzählung sogar noch weiter zurück und gehören zu den ältesten Fragmenten der antiken Literatur.

Sophokles' Ödipus ist nicht nur vermutlich der älteste unter den genannten "Vorfahren" oder "Inkunabeln", sondern auch ein vollwertiger Kriminalroman, der alle Elemente enthält, die dem modernen Leser vertraut erscheinen. Es gibt einen Mörder, ein Opfer, einen Augenzeugen und einen Detektiv, der unbeirrt nach der Wahrheit sucht, bis er schlussendlich die metaphorische Büchse der Pandora öffnet und die dunklen Geheimnisse aller Beteiligten enthüllt.

Zu Beginn des Dramas wird die Stadt Theben von einer verheerenden Seuche geplagt, eine Katastrophe, die nur beendet werden kann, wenn der Mörder des früheren Königs aufgespürt wird. Die Aufgabe, dieses ungeklärte Verbrechen zu lösen, fällt dem amtierenden König Ödipus zu.

Doch wie gelangte Ödipus überhaupt auf den Thron? Einst kam er als einsamer Wanderer nach Theben und beendete eine frühere Epidemie, indem er das legendäre Rätsel der Sphinx löste. Diese Glanzleistung offenbarte ihn bereits als geschickten Problemlöser. Aus Dankbarkeit erhoben ihn die Thebaner zum König, um die Lücke zu füllen, die der kürzlich ermordete König Laios hinterlassen hatte.

Spoiler

… der Mörder des Laios war kein anderer als Ödipus selbst - und Laios war sein Vater. Die Folgen dieser Enthüllung treiben Lokaste in den Selbstmord und Ödipus in die Selbstblendung.

Die alten Griechen erkannten früh, dass Sophokles mit seinem Werk etwas Außergewöhnliches geschaffen hatte. Aristoteles hob in seiner Poetik die Kunstfertigkeit des Dramas Ödipus hervor und betonte: Von allen Einsichten sei jene die beste, die organisch aus den Geschehnissen hervorgehe, bei der die erstaunliche Enthüllung auf natürliche Weise geschieht. Genau das gelänge dem Werk; die Wendung der Handlung benötige keine künstliche Hilfsmittel wie göttliche Zeichen oder Amulette. Mit anderen Worten: Die Offenbarungen in dem Stück wirken nicht durch Zauberei oder zufällige Eingebungen, sondern entwickeln sich wie in einer schrittweisen, logischen Detektivgeschichte. Gerade weil diese Wendungen unvermeidlich aus einem sorgfältigen deduktiven Ablauf entstehen, entfalten sie eine umso größere Wirkung.

Hätte Sophokles die Ereignisse chronologisch erzählt, wären uns der Mord und die Folgen gleich zu Beginn offengelegt worden, und wir wüssten von Anfang an, wer der Täter ist. Doch statt den einfachen Weg zu gehen, setzt Sophokles am Ende der Geschichte an und gestaltet daraus eine meisterhafte Kriminalerzählung, die unserem Wissen nach keine Vorlage hatte. Damit begründete Sophokles nicht nur den Kriminalroman, sondern unterlief das Genre bereits bei dessen Geburt, indem er Detektiv und Mörder in einer Person vereinte. Und als König fungiert Ödipus zugleich auch als Richter und Geschworener, der am Ende seine eigene Strafe verhängt.

Der erste Kriminalroman

Als erster Kriminalroman wird oft Der Monddiamant (1868) von Wilkie Collins genannt, doch bereits zuvor, im Jahr 1862, erschien Das Rätsel von Notting Hill von Charles Warren Adams, das wissenschaftlichen Analysen zufolge den tatsächlichen Anfang des Genres markiert. Interessanterweise reicht der Einfluss des Kriminalromans noch weiter zurück. Voltaires Zadig aus dem Jahr 1748, ein Werk von philosophischer und erzählerischer Raffinesse, prägte unter anderem Edgar Allan Poe und seine berühmte Figur C. Auguste Dupin maßgeblich.

Ein weiterer oft genannter Meilenstein auf dem Weg zum modernen Kriminalroman ist Charles Dickens’ Bleak House aus dem Jahr 1853. Hier tritt mit Inspektor Bucket erstmals ein literarischer Detektiv auf, der in der Geschichte versucht, den Mord am Anwalt Tulkinghorn aufzuklären. Obwohl die detektivischen Elemente nur den letzten Teil des Werkes einnehmen, gilt der Roman als bedeutendes Bindeglied in der Entwicklung des Genres. 

Der berühmteste Detektiv ist Sherlock Holmes

Sherlock Holmes ist zweifellos der berühmteste fiktive Detektiv, der je geschaffen wurde, und neben Hamlet, Peter Pan, Ödipus (dessen Geschichte tatsächlich als die erste Detektivgeschichte der gesamten Literatur betrachtet werden kann), Heathcliff, Dracula, Frankenstein und anderen eine der berühmtesten fiktiven Figuren der Welt.

Holmes wurde natürlich von Sir Arthur Conan Doyle erschaffen und ist weitgehend eine Mischung aus Poes Dupin (einige von Dupins Ticks tauchen kaum verhüllt in den Sherlock-Holmes-Geschichten auf) und Dr. Joseph Bell, einem Arzt, der Doyle während seines Medizinstudiums an der Universität Edinburgh unterrichtete.

Sherlock Holmes ist bekannt für seine beeindruckenden geistigen Fähigkeiten, doch entgegen der weit verbreiteten Annahme zieht er keine echten Schlüsse im klassischen Sinne. Genau genommen basiert seine Analyse weniger auf Deduktion als vielmehr auf Induktion, einem Konzept, das in der Logik eine völlig andere Bedeutung hat. Während die Deduktion darauf abzielt, allgemeine Grundsätze heranzuziehen, um spezifische Schlussfolgerungen zu ziehen, stützt sich die Induktion auf konkrete Beobachtungen und Beispiele, wie etwa die Zigarettenasche auf der Kleidung eines Klienten oder die Erdreste an seinen Stiefeln.

Interessanterweise haben einige Logiker darüber hinaus argumentiert, dass die Denkmuster von Holmes häufiger der Abduktion entsprechen könnten. Aber was bedeutet das? Abduktives Denken beschreibt den Prozess des Aufstellens einer Hypothese basierend auf vorliegenden Beweisen. Das wiederum passt ziemlich gut zu dem Methodenkatalog, mit dem Holmes arbeitet, wenn er Rätsel entwirrt und Geheimnisse löst. Tatsächlich ist es diese Kombination aus logischer Schärfe und detektivischem Gespür, die ihn so einzigartig und bewundernswert macht.

Die okkulten Detektive

Nach dem Erfolg der Sherlock-Holmes-Geschichten und der wachsenden Popularität von Geistergeschichten und Schauerromanen Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein neues Subgenre: der okkulte Detektiv, der Verbrechen (möglicherweise) übernatürlichen Ursprungs aufklärt, oft im Sherlock-Stil. Dr. Hesselius von Sheridan Le Fanu wird oft als erste Figur dieses Genres genannt, obwohl er selbst nicht viel aufklärt. Meistens sitzt er nur auf einem Stuhl und hört zu. Die populärste Figur dieses Subgenres ist der von Algernon Blackwood geschaffene “Psycho-Arzt” John Silence. Blackwoods John Silence: Physician Extraordinary (1908) war das erste belletristische Werk, das auf Reklametafeln am Straßenrand beworben wurde, und entwickelte sich zu einem Bestseller.

Das 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert war Endeavour Morse nur einer in einer langen Reihe von Detektiven aus dem Oxford-Milieu. Zu seinen bemerkenswerten Vorgängern zählen Lord Peter Wimsey (geschaffen von Dorothy L. Sayers) und der Oxford-Professor Gervase Fen aus der Feder von Edmund Crispin (eigentlich Bruce Montgomery). Crispin gilt als einer der letzten großen Vertreter des klassischen Kriminalromans.

Die populärste Krimiautorin aller Zeiten ist jedoch Agatha Christie - und es gibt so viele faszinierende Fakten über Agatha Christie, dass wir sie in einem eigenen Artikel behandeln müssen.

Der Detektivroman vor der viktorianischen Ära

Charles Dickens
Charles Dickens, Portrait
von Jeremiah Gurney

Es ist kein großes Geheimnis, dass der Kriminalroman und die Detektivgeschichte ihre Wurzeln im Viktorianischen Zeitalter haben, obwohl es Geschichten über Verbrechen schon viel früher gab. Zwischen 1800 und 1900 wurden etwa 6000 Titel in englischer Sprache veröffentlicht. Auch das ist nicht verwunderlich: Die englischsprachigen Länder strotzten damals nur so vor kulturellen Innovationen, und das ist bis heute, von wenigen Ausnahmen abgesehen, so geblieben.

Offensichtlich hatte das englische Lesepublikum des viktorianischen Zeitalters einen großen und lang anhaltenden Appetit auf Kriminalromane. Woher kam dieser Appetit?

Der berühmte Newgate-Kalender versorgte ab 1773 die englische Öffentlichkeit erstmals regelmäßig mit Informationen über kriminelle Aktivitäten, indem er Geschichten veröffentlichte, die auf wahren Taten von Gefangenen des Newgate-Gefängnisses basierten. Zusammen mit den biographischen Hintergründen der einzelnen Angeklagten ergaben sich Geschichten, die den persönlichen moralischen Verfall in den Mittelpunkt stellten und, obwohl als lehrreiche Warnung gedacht, auch den Appetit auf mehr solcher Geschichten weckten. So verbreiteten sich die Geschichten und beeinflussten bald auch die Belletristik. Volkstümliche Autoren sahen sich plötzlich veranlasst, über Verbrechen zu schreiben, um die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für solche Geschichten auszunutzen. Die so entstandenen Romane nannte man Newgate-Romane. In ihnen wurde oft Sympathie für die Verbrecher geäußert und die Umstände, die sie zum Verbrechen trieben, dargestellt.

Charles Dickens (Oliver Twist und Barnaby Rudge), Edward Bulwer-Lytton (Paul Clifford und Eugene Aram) und Harrison Ainsworth (Jack Sheppard) erfreuten sich mit ihren spannenden Geschichten über das Leben realer oder erfundener Verbrecher großer Beliebtheit.

Tageszeitungen berichteten über Gerichtsverhandlungen, darunter die Illustradet Times, die 1856 eine Sonderausgabe über den Prozess gegen Dr. William Palmer herausbrachte, der unter anderem seine Frau und mehrere seiner Kinder vergiftet hatte. Die Auflage der Zeitung verdoppelte sich daraufhin.

Einige Verbrechen schafften es sogar bis ins Theater. Es schien, dass die englische Öffentlichkeit nicht nur von Verbrechen fasziniert war, sondern auch alle möglichen Formen der Darstellung schätzte, von Prozessberichten über Nachrichten bis hin zu Romanen und Theaterstücken.

Die Gründung von Scotland Yard

Mit der Gründung des London Metropolitan Police Service (Scotland Yard) im Jahr 1829 und der City of London Police im Jahr 1839 kam ein zweiter Aspekt in die Betrachtung der Kriminalität: Wie wurden Verbrecher identifiziert, gefasst und vor Gericht gestellt? Hier boten sich dramatische Möglichkeiten, den Kampf zwischen Polizei und Kriminellen, zwischen Gut und Böse zu erforschen. Die Einführung von Männern, die sich der Aufklärung von Verbrechen widmeten, bot ein Modell für den persönlichen Kampf zwischen Detektiv und Schurken, der als eines der grundlegenden Merkmale des Kriminalromans angesehen werden muss.

Old Scotland Yard
Old Scotland Yard

Innerhalb dieser morbiden Faszination für das Verbrechen gab es ein besonderes Interesse an Frauen, die zu Mörderinnen wurden. Dies mag vor allem daran gelegen haben, dass Frauen seltener vor Gericht gestellt wurden als Männer, und dass dies eine Kuriosität in der damaligen Vorstellung von der Frau als einer weniger gewalttätigen und eher nährenden und liebenden Beschützerin von Heim und Kindern darstellte. Diese Ansicht war auch der Grund dafür, dass Frauen weit weniger streng oder eher medizinisch behandelt wurden.

Gerichtsfälle wie der von Constance Kent, die 1865 ihren dreijährigen Halbbruder ermordete, indem sie ihm die Kehle durchschnitt, oder der von Madeleine Smith, die 1857 ihren Liebhaber mit Arsen ermordete, veranschaulichten und verstärkten die Vorstellung, dass Frauen die schlimmsten Verbrechen sowohl gegen die Zivilisation als auch gegen ihre eigene weibliche Natur begehen konnten. In einem Bericht der Times (28.07.1865) wird ein Mangel an Emotionen bei Kent festgestellt, der dazu führte, dass ihr Todesurteil in Zwangsarbeit umgewandelt wurde.

Madeleine Smith, die angeklagt war, einen lästigen Liebhaber vergiftet zu haben, stand genau auf der anderen Seite, nämlich der des ungezügelten sexuellen Appetits,

Trotz einer Staatsanwaltschaft, die entschlossen war, Smiths moralische Verwerflichkeit aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten vor Gericht zu bringen, gelang es ihr, einer Verurteilung zu entgehen. Rechtshistoriker vermuten, dass es zwar wenig Beweise gab, die sie mit dem Mord in Verbindung brachten, dass sie aber ebenso wahrscheinlich einem Schuldspruch entging, weil sie die Aussage verweigerte und sich so einer direkten Befragung entzog, und weil sie während des neuntägigen Prozesses die Ruhe bewahrte.

Madeline Smith war als Giftmörderin alles andere als einzigartig. Ein Drittel aller Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts, in denen Vergiftungen nachgewiesen wurden, betrafen Arsen. Es war leicht in Apotheken erhältlich, um Schädlinge im Haushalt zu töten, und billig. Die Symptome einer Arsenvergiftung waren für einen Gerichtsmediziner nicht von anderen Magenerkrankungen zu unterscheiden, so dass ein Giftmörder gute Chancen hatte, der Strafverfolgung zu entgehen. Zumindest bis 1836, als Arsen im Körper nachgewiesen werden konnte und Arsenvergiftungen tatsächlich seltener wurden. Zudem boten neue Scheidungsgesetze Frauen die Möglichkeit, einer unglücklichen Ehe zu entfliehen. Das Klischee, dass Gift eine Waffe der Frauen sei, entstand in dieser Zeit durch Mörderinnen wie Madeleine Smith.

Als Königin Victoria 1837 den Thron bestieg und damit das Viktorianische Zeitalter einläutete, war die Popularität von Kriminalgeschichten in allen Medien bereits 60 Jahre alt. Der Grundstein für die erste Blütezeit des Kriminalromans war gelegt, unter anderem mit den Geschichten von Arthur Conan Doyle und seinem Detektiv Sherlock Holmes.