Wonder Woman - Prinzessin der Amazonen

Wonder Woman spiegelt die Ängste, Sehnsüchte und feministischen Hoffnungen Amerikas wider. Eine ikonische Figur, erschaffen von einem Mann, der mit zwei Frauen zusammenlebte, ausgestattet mit einem Lasso und einer tief verwurzelten Überzeugung.

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.

Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.

The Secret History of Wonder Woman von Jill Lepore (2014)

Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics, dem Vorläufer von DC. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.

Marstons ungewöhnliches Privatleben

William Moulton Marston lebte in einer offenen Dreiecksbeziehung mit seiner Ehefrau Elizabeth Holloway Marston und der Psychologie-Studentin Olive Byrne, der Nichte der Frauenrechtlerin Margaret Sanger. Beide Frauen hatten Kinder mit ihm. Elizabeth und Olive lebten nach Marstons Tod 1947 noch jahrzehntelang zusammen. Beide inspirierten Wonder Woman maßgeblich: Elizabeth durch Intelligenz und Stärke, Olive durch ihre Armbänder, die der Figur als Vorbild für die legendären „Bracelets of Submission" dienten.

Marston war alles andere als ein gewöhnlicher Autor. Er hatte eine dezidierte pädagogische und nehezumessianische Überzeugung. Seiner Meinung nach würde die Welt in etwa tausend Jahren von Frauen regiert werden, was er als das Beste betrachtete, was ihr passieren könnte. Frauen verbänden laut seiner Theorie Stärke mit Liebe und Mitgefühl auf eine Art, die Männern schlicht nicht möglich sei. Wonder Woman war für ihn der literarische Beweis dieser Idee, die inzwischen zunehmend an Gewicht gewinnt.

Die seltsamste Ursprungsgeschichte des Goldenen Zeitalters

Die Figur besitzt eine selbst für Comic-Verhältnisse außergewöhnlich komplexe Herkunftsgeschichte. Diana ist die Prinzessin der Amazonen auf Paradise Island (Themyscira), einer verborgenen Insel, die von Frauen bewohnt wird. Sie haben sich aus der von Männern dominierten Welt zurückgezogen, um in Frieden und Selbständigkeit zu leben. Ihre Mutter Hippolyta formte sie ursprünglich aus Ton, und die Götter hauchten ihr Leben ein. Zumindest in der Ursprungsversion. Spätere Neuinterpretationen, insbesondere die in den 1980er-Jahren von George Pérez geschaffene und mittlerweile weitgehend kanonische Version, legten jedoch Zeus als ihren Vater fest. Dies verlieh der Geschichte zwar mehr Dramatik, entfernte sie aber zugleich von ihrem ursprünglichen subversiven Ansatz.

Sensation Comics #1
Sensation Comics #1 © DC

Die Handlung nimmt Fahrt auf, als der amerikanische Pilot Steve Trevor auf Paradise Island abstürzt und gerettet werden muss. Um ihn sicher in die Welt der Menschen zurückzubringen und den Alliierten im Zweiten Weltkrieg beizustehen, verlässt Diana ihre Heimat. Dabei nimmt sie die Tarnidentität der Krankenschwester Diana Prince an – eine Rolle, deren Alltäglichkeit im Kontrast zu ihrem auffälligen Sternenbanner-Outfit beinahe humorvoll wirkt.

In den frühen Comics entwickelte William Moulton Marston anschließend ein freudianisch aufgeladenes Universum, das von Symbolik rund um Fesselung, Unterwerfung und psychologische Machtkämpfe durchzogen war. Kaum eine Ausgabe kam ohne Szenen aus, in denen Figuren – oft Wonder Woman selbst – gefesselt, angekettet oder anderweitig in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren. Der Zeichner H. G. Peter setzte diese Szenen mit einer Präzision um, bei der modernen Lesern schwindelig wird. Sowohl der Herausgeber von DC Comics, Sheldon Mayer, als auch die Branchen-Ethikkommission waren wiederholt alarmiert. Marston erklärte ihnen geduldig wie kleinen Kindern, dass all dies alles symbolisch gemeint sei, eine Metapher für die psychologische Befreiung von emotionalen Zwängen.

Ob ihm dies tatsächlich abgenommen wurde, bleibt ungewiss. Die Historikerin Jill Lepore, die 2014 die richtungsweisende Biografie The Secret History of Wonder Woman veröffentlichte, kommt zu dem Schluss, dass Marstons spezifische Vorlieben und seine feministische Ideologie untrennbar miteinander verknüpft waren. Eines ohne das andere zu verstehen sei schlichtweg unmöglich.

Das Lasso der Wahrheit

Die bekannteste Erfindung von Marston war der Lügendetektor, was die Entstehung von Wonder Womans Lasso der Wahrheit keine reine Zufälligkeit sein lässt. Das „Lasso der Wahrheit“ zwingt jeden, der darin gefangen ist, zur Ehrlichkeit – eine direkte Verbindung zwischen Marstons wissenschaftlicher Leidenschaft und der fantastischen Welt der Comicfigur. Ursprünglich wurde das goldene Lasso aus dem Gürtel der Göttin Gaia geschmiedet, was es unzerstörbar machte.

Nach Marstons Tod: Jahre des Vergessens und der Wiederentdeckung

Als Marston 1947 an Krebs verstarb, verlor Wonder Woman nicht nur ihren wichtigsten Fürsprecher, sondern auch die prägnanten Merkmale, die sie auszeichneten. Der Autor Robert Kanigher übernahm die Geschichten und verwandelte sie in eine romantisierte Heldin, deren größter Wunsch es war, Steve Trevor zu heiraten. Ihre Abenteuer wurden alltäglicher und weniger ambitioniert – das Feuer des Goldenen Zeitalters war erloschen.

Wonder Woman auf der Titelseite

Die 1960er-Jahre brachten für Wonder Woman eine ganz eigene Identitätskrise mit sich. Im Zuge der umfassenden Neuausrichtung vieler DC-Charaktere verlor die Amazonenprinzessin ihre übermenschlichen Kräfte – und, man mag es kaum glauben, wurde zur Betreiberin einer Modeboutique. Was als ein moderner, zeitgemäßer Emma-Peel-Moment für das Silberne Zeitalter gedacht war, entwickelte sich zu einem der größten Irrwege in der Geschichte des Comics. Der Schock war groß, besonders bei Feministinnen wie Gloria Steinem. So groß, dass sie 1972 keine geringeren Maßnahmen ergriff, als Wonder Woman im ikonischen Originalkostüm auf das Cover der allerersten Ausgabe des Ms. Magazine zu setzen. Mit dieser symbolischen Geste sollte die Superheldin rehabilitiert werden: eine deutliche Botschaft, dass sie zur feministischen Bewegung gehört und nicht in eine Boutique.

Die wahre Rettung von Diana Prince folgte jedoch erst 1987, durch die geniale Neuinterpretation von George Pérez nach Crisis on Infinite Earths. Pérez hauchte der Figur neues Leben ein, indem er sie tief in der griechischen Mythologie verwurzelte und ihr mit Themyscira – dem überarbeiteten Paradise Island – eine faszinierende politische und kulturelle Identität gab. Gleichzeitig verlieh er Wonder Woman eine Würde und Tiefe, wie sie seit den Tagen ihres Schöpfers William Moulton Marston nicht mehr gesehen worden waren. Zum ersten Mal in Jahrzehnten folgte die Serie einer durchdachten künstlerischen Vision, die sich nicht für ihre Protagonistin rechtfertigen musste.

Im Verlauf der folgenden Jahre gab es weitere bemerkenswerte Phasen: die eleganten Zeichnungen von Phil Jimenez in den frühen 2000ern, Greg Ruckas kluge und packende politische Geschichten oder Gail Simones emotionaler Scharfsinn. Diese kreativen Meilensteine zeigten immer wieder, wofür Wonder Woman steht: für Stärke durch Mitgefühl, nicht anstelle davon. Dies bleibt das Herzstück von Marstons Vermächtnis, unabhängig davon, wie man zu den Eigenheiten seines Lebens stehen mag.

Was die Figur wirklich besonders macht

Man könnte denken, Wonder Woman sei lediglich die weibliche Entsprechung zu Superman oder Batman. Doch das ist ein hartnäckiges Missverständnis. Superman verkörpert den Immigranten, der Amerika liebt. Batman ist der traumatisierte Milliardär, der die Dunkelheit mit seiner eigenen Dunkelheit bekämpft. Wonder Woman hingegen stammt aus einer fremden Kultur, die sie für überlegen hält, und dennoch entscheidet sie sich freiwillig, der Menschheit zu helfen.

Gerade das macht sie aus einer philosophischen Perspektive spannender als viele ihrer Kollegen. Sie ist keine gebrochene Figur, die durch heldenhafte Taten nach Heilung sucht. Ihre Motivation entspringt der Stärke und Unversehrtheit. Anstelle mit Zorn und Gewalt vorzugehen, nutzt sie ihr Lasso der Wahrheit. Sie tötet nur im äußersten Notfall, und selbst dann trägt sie die moralische Bürde dieser Entscheidung sichtbar mit sich.

Die Armbänder, die sie trägt – im Original "Bracelets of Submission" – gehören zu den denkwürdigsten Symbolen der Comicwelt. Ursprünglich von den Göttern auferlegt, dienen sie den Amazonen als Mahnmal ihrer früheren Versklavung. Gleichzeitig sind sie eine unzerstörbare Schutzwaffe. In manchen Erzählungen verliert Wonder Woman ihre Selbstkontrolle, wenn sie die Armbänder ablegt, und wird unberechenbar. Freiheit ohne Begrenzung wird dann zur Gefahr, was eine ganz andere Art von Gefangenschaft ist. Marstons psychologischer Hintergrund zeigt sich deutlich in solchen Details.